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Donnerstag, 7. Juni 2012

Geschichten vom Wachstum (und vom Wegschauen)


Die These vom angemessenen, stetigen Wachstum aus ökonomischer Sicht soll heute gar nicht Kern der Betrachtung oder besser der Kritik in ihrer Reinform als differenzierendem Denken sein, sondern vielmehr das Nachdenken über das Wachstum a sich, das uns scheinbar unaufhörlich überall umgibt. Zum ökonomischen Aspekt nur so viel vorweg: wenn ein System als in seinen Ressourcen beschränkt gedacht wird, wenn also sowohl durch materielle Grundlagen und effizientere Organisation des Umgehens damit lediglich ein neuer Aspekt zur Dominanz gebracht werden kann und andere Aspekte dafür weichen müssen, kann nicht wirklich von Wachstum gesprochen werden. Ein Beispiel wäre das IT-Zeitalter mit energieeffizienten Rechnern und einer Fülle an digitalen Dienstleistungen. Die Summe an Arbeitsleistung, die (sicher nicht ganz zu Unrecht) darauf verwandt wird, lässt jedoch viel Wissen handwerklicher Art, das im traditionellen Gedächtnis ganzer Teilgesellschaften bewahrt wurde, hinter sich. Dieser Blog könnte nicht in der Form geschrieben werden, wenn nicht ein Rückgrat an IT (und ungleicher Verteilung materieller wie autoritativer Ressourcen über den Globus) dafür den Platz geschaffen hätten (Ob das Internet ein Ort oder ein anderswo ist, kann ich vielleicht in ein/zwei Jahren sagen). Dennoch: alles, das Kapazitäten bindet (mir gefällt im Englischen die Formulierung „take place“ – etwas nimmt sich seinen Ort), schränkt dessen Verfügbarkeit für anderes ein, wenn sie sie nicht sogar unmöglich macht.

Die erstaunlich einfache Erklärung liegt im gedanklichen Wegschauen. Dies lässt sich auch ohne Aristoteles erklären, obwohl die folgenden Gedanken sicher einem aufmerksamen Leser der Kategorienschrift nicht ganz unbekannt sein dürften. Ein Großteil des (vor diesem Hintergrund vielleicht nur gefühlten) Erfolgs der Menschheit liegt sicher in der kognitiven Blindheit für die Negation. Selbst eine sprachlich-gedankliche Negation bereitet uns ja schon Schwierigkeiten. Die Literatur ist voller Gedankenspielereien wie „Es ist nicht unmöglich, dass kein Mensch in Versuchung gerät, nicht wieder ganz von vorne anzufangen.“ Soll er jetzt oder nicht? Viel Spaß beim Zählen der Negationen! Die kognitiven Blindheit zeigt sich aber noch besser bei der Sphäre des Visuellen, sicher einen prominenteren unserer Sinne. „Ein Karte hat keinen Konjunktiv.“ So fordert Georg Glasze als kritischer Kartograph ein differenzierteres Verständnis für diese Ausdrucksform ein. Grenzen und Namen auf einer Karte besetzen Raum, bilden ein Leitbild (dienen als Referenz für andere, in der Lerngeschichte folgende Beschreibungen dieses Raums) und sanktionieren somit fast unmittelbar jede „unnatürliche“ Veränderung der anfangs beschriebenen Grenzen. Ganz ähnlich hat Bausubstanz keinen Konjunktiv. Abseits von Reduktionismen („Siehst Du ja schon von außen, wer da nur wohnen kann.“) macht ein konkretes Bauwerk das sich Vorstellen einer andersartigen Besetzung dieser Raumstelle schwierig. Es bedarf des geschulten oder visionären Auges von Geographen, Denkmalkundlern und Architekten, um solche Blicke zu realisieren und zu zeigen.

Halten wir fest: Einmal Verschwundenes dringt nur schwer ins Bewusstsein, sowohl ein Ungedachtes als auch ein nicht Seiendes fallen weder im Denken noch in der Wahrnehmung unmittelbar auf. Einzige Ausnahme ist hier sicher der Verlust einer begrifflichen Referenz, wie ich sie oben dargestellt habe. Ein solcher Verlust des scheinbar natürlichen Referenzrahmens, sei es einer geliebten Person, der Heimat oder auch nur eines Gebäudes, das mit Erinnerungen überladen scheinbar schon immer da war, sind im Gegenteil sehr dauerhaft. Ein solcher Phantomschmerz lässt sich mit dem Auseinanderfallen eines kognitiven Modells und des aktuellen Zustands der Umwelt erklären – solche Brüche in der Wahrnehmungskontinuität hat sicher jeder schon einmal erlebt.
Es ist inhärenter Bestandteil menschlichen Erfolgreich-Seins, dass selbst diese Erfahrung ignoriert werden kann – nicht im Rahmen eines Individuums, aber in Bezug auf menschliche Gesellschaft als solches. Es scheint seinen Grund zu haben, warum eine rasche Folge von Generationen sich im Rahmen der Evolution als erfolgreicher erwiesen hat, als einige wenige Individuen mit großer Lebensspanne. Die Sphäre organischen Lebens wie wir es kennen, bringt durchaus auch größere Lebensformen hervor, die mehrere Jahrhunderte überdauern können. Ob es der Geist des Wegschauens, der immer neu seligen Unwissenheit, der Unbekümmertheit und des Wagemuts ist, der Menschen so erfolgreich gemacht hat? Eine Generation wird zum Träger von Entwicklung, verbraucht sich, indem ihr kognitives Modell immer weiter mit der Wirklichkeit auseinanderfällt („Altersstarrsinn“) und tritt beiseite. Eine neue Generation übernimmt, ruft neue Leitideen aus, schiebt alte Begriffe beiseite und gestaltet auch die Materialität des Seins um. Schleichend, fast unmerklich, hin und wieder begleitet von einer handfesten Revolution, wird eine scheinbar kontinuierliche Geschichte des Wachstums geschrieben, in dem an bestimmten Leitaspekten, die gerade in voller Blüte stehen (z.B. Technologie, Kapitalismus schon eher nicht mehr...) ihre erfolgreiche Entwicklung aufgezeigt. Logisch, was durch diese Erfolgsgeschichte verdrängt wurde, fällt ja nicht mehr auf.

Ein abschließender Blick auf die Sphäre des Ökonomischen: Wachstum ist also sichtspezifisch: „Unser Unternehmen wächst“ (und andere verlieren). „Ich lerne gerade unheimlich viel“ (und andere vergessen – vielleicht für immer). „Die großen Entdeckungsfahrten eröffneten ein neues Zeitalter“ (und beendeten in vielen Teilen der Welt eine Unzahl an Existenzen). Systemisch gedacht sollte es reichen, einen Zustand auf hohem Niveau stabil halten zu wollen. Die Sucht nach dem Aufbruch, nach der neuen, ungeahnten Chance, in ihrer unbedenklichen Form auch Neugier genannt lässt auf jeder Ebene ein Unzufrieden-Sein mit dem Erreichten eintreten. Wie weit kann ich es noch treiben? Es schlicht auszuprobieren, macht den Verlust unausweichlich – entweder für mich oder für diejenigen, die in meinem Erfolgsfall Ressourcen an mich abgeben müssen. Wenn aber nicht nur die Enttäuschung einer vagen Wachstumsaussicht Anleger in Aufruhr versetzt, sondern vielmehr Wetten auf die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung einer antizipierten Entwicklung zum Gegenstand materieller Aushandlungsprozesse werden (Fällt der Euro? Steigt er?), ist dieser Prozess von allen Lebensgrundlagen völlig abgekoppelt und bedroht durch die unheimliche Masse an verwandten Ressourcen die Lebenswirklichkeit eines jeden. Nicht nur mir als selbsternanntem Bewahrer stellt sich hier die Frage, ob wir wirklich noch spielen, oder ob wir schon leichtfertig vertändeln – vielleicht schaffen wir aber auch gerade nur Raum für eine neue Leitidee, die in ein paar Jahrhunderten ihre Erfolgsgeschichte erzählen kann.

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