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Donnerstag, 30. Mai 2013

Die hängenden Gärten sind zurück!

Nachdem wir schon vor zwei Wochen den Balkon fit für seinen zweiten Sommer gemacht haben, hatten unsere Pflanzen das Gießen nach dem Anpflanzen nicht wirklich nötig - sie sind seitdem eher ertrunken als verdurstet. Nachdem heute morgen ein paar verlorene Sonnenstrahlen Außenaufnahmen zuließen, an dieser Stelle ein paar verspätete Impressionen vom Frühlingsanfang ;)

Die Rolle der Schlingpflanze haben wir dieses Jahr mit Erdbeeren besetzt, die das ganze Jahr Früchte entwickeln - wir sind schon sehr gespannt!


Wieder dabei sind Tomaten und Paprika. Nachdem die extra scharfen Pepperoni selbst in gemahlener Form nur zu Bruchteilen verzehrt sind, haben wir auf weitere Schärfelieferanten dieses Jahr verzichtet.


Neben den Olivenbaum, der sein winterliches Exil im Treppenhaus gut überstanden hat (und kleine Oliven trägt!), ist ein Pflanztrog mit Rose und Lavendel getreten. Mal sehen, ob an dieser geschützten Stelle Blattläuse und Mehltau etwas weniger Ärger machen als zuletzt.


Eine Mittagsblume musste natürlich auch wieder sein. Die Zuckerhutfichte strahlt in sattem Grün, auch wenn die zweijährigen Nadeln jetzt schon braun werden. Evtl. fehlt hier etwas Pflege. Der Korb links ist tatsächlich eine Herbstkomposition, die wir dort über den Winter "vergessen" haben und die wider Erwarten sehr üppig zurückgekommen ist. Nur die Blume hat eine vertrocknete Erika ersetzt.


Scheinzypresse und Buchs mussten etwas zurückgeschnitten werden (ich wusste nicht, dass Zypressen erfrieren können)


Husarenknöpfchen und Männertreu haben letztes Jahr gut im Sturm durchgehalten, daher hängen sie wieder an vorderster Front.


Die Fuchsien auf der windabgewandten Seite haben ihren neuen Standort auch gut angenommen:



Sonntag, 8. Juli 2012

„Wenn Religiosität ausstirbt, bleiben nur Geisteswissenschaften, um dem Menschen Orientierung zu geben.“


So oder so ähnlich war die These meiner Frau, die mich nachdenklich gemacht hat. Stirbt Religion wirklich aus? Können Geisteswissenschaften wirklich diese Lücke ausfüllen? Inwieweit das so ist, will ich mit dem heutigen Blog ein bisschen eingehender untersuchen (nicht, dass ich nicht schon ein paar Wochen darüber nachgegrübelt hätte). Ich bin mir sicher, dass sich auch genügend Argumente finden lassen, die dagegen sprechen. Ich bin lediglich neugierig, wie weit sich diese Argumentationslinie treiben lässt, wenn man die Prämisse, dass Religiosität ausstirbt zunächst als gegeben annimmt.
Ein paar Beispiele vorneweg: für mich ist die Militarisierung der Fußballstadien mit Pyrotechnik, Schlägereien und Spielunterbrechungen, die in der letzten Saison zu beobachten war, ein genauso beredtes Symptom dafür wie Komasaufen oder Psychopharmaka. Das Greifen nach dem scheinbar goldenen Ausweg aus dem alltäglichen Nichts und die anschließende Verzweiflung, wenn das die Probleme nicht löst (wie auch?) stehen für mich deutlich für die hilflose Suche nach Sinn in unserer ach so säkularen Gesellschaft. Wohl dem, der wie die Macher der Kampagne „Glücklich leben ohne Gott“ offensichtlich solide in humanistischem Gedankengut gegründet ist. Sollte das pikanterweise eine Form von Glaube sein?

Warum scheidet Naturwissenschaft aus, wenn es um Orientierung geht?

Weil Naturwissenschaft per se die maximale Entfremdung von unserer Alltagserfahrung darstellt und nur deshalb in der Lage ist, Wahrheiten zu entdecken, die uns sonst verborgen blieben. Eine auf dieser Weise entdeckte (konstruierte?) Wahrheit kann freilich immer nur einen Aspekt unseres Menschseins (nämlich den rational-logische) ansprechen.
Mein Lieblingsbeispiel ist immer die Schachnovelle – und ich glaube es gibt genug Programmierer und Softwareentwickler, die auf eine ähnlich manische Weise von der scheinbar mühelosen Beherrschbarkeit und Beherrschung aller Probleme durch ihr (mehr oder minder) konstruktiven Tuns gefesselt sind, dass sie sich des dadurch entstandenen Mangels in ihrem seelischen Gleichgewicht erst viel zu spät bewusst werden. Dies ist ein Standpunkt und keine empirische Studie – dennoch habe ich schon mehrmals diese oder ähnliche Erzähllinien gehört: gut bezahlter Softwareentwickler, 60-Stunden-Woche, mit 40 Sinnkrise, jetzt Gärtner oder im Kloster, scheut den Computer wie der Teufel das Weihwasser. Sicher, μηδὲν ἄγαν, aber gerade dieses Argument nach dem Herstellen eines Gleichgewichts verweist in seiner Bezogenheit auf ein Anderes auf eine Erklärungslücke rein naturwissenschaftlichen Vorgehens.
Apropos Erklärungslücke: Naturwissenschaft erklärt nichts. Die Aussage, dass ein bestimmter Vulkan mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in einem bestimmten Zeitintervall eine Eruption einer bestimmten Stärke haben wird (selbst wenn es sich exakt vorhersagen ließe) muss völlig unabhängig von jeglichem Handlungskontext gedacht werden, um wertungsfrei erforscht werden zu können. Erst wenn dort Menschen leben, erhält eine solche Aussage Relevanz für Entscheidungen, die zu treffen sind. Die Aussage „Dort leben Menschen, die das noch nicht wissen – wir müssen sie unbedingt über die Risiken aufklären!“, der sie die gottlos Glücklichen sicher ad hoc anschließen würden, ist nicht mehr Teil naturwissenschaftlichen Arbeitens.

Was ist das eigentlich, wenn wir nach Orientierung suchen?

Die Natur einer nicht endgültig beantwortbaren Frage scheint schwer, es gibt jedoch einige Grundzüge, die leicht sichtbar zu machen sind. Zunächst die Ortsmetapher: „Wo gehöre ich hin?“ Die Suche nach dem Platz im Leben repräsentiert die räumliche Strategie, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Wann habe ich ihn gefunden? „Ubi bene, ibi patria!“ Aha, also eigentlich die Suche nach einem Sozialraum. Dazu gesellt sich die performative Metapher „Was soll ich (in dieser Lage) tun?“ Antworten darauf füllen ganze Handbücher – von der Στοά bist hin zur Esotherik. Zugrunde liegt die Suche nach Routinen, die den eigenen Vollzug von Dasein strukturieren und zeitlich rhythmisieren und dadurch Leben einfacher machen. Das bestechende an Adam Smith's Entwurf eines Wertesystems, das nur auf einem spontanen, empathiegeleiteten Urteils beruht, ist allerdings, dass er durch sein Modell eine fast algorithmische Lösung für die soziale Konstruiertheit von Orientierung anbietet. Noch radikaler wäre es, davon auszugehen, dass jeder Kommunikationsakt Dasein verankert und Halt bietet. Ich nenne es gerne die Teppich-Metapher (nachdem ich mich ja zuletzt kritisch gegen „Soziale Netzwerke“ geäußert hatte): Kettfäden sind die familiären Bezüge, in die unser eigenes Sein eingebunden ist, Schussfäden alle Freundschaften, mit denen wir gemeinsam durch die Zeit reisen. Jede Verbindung zu einem anderen Menschen liefert in gewisser Weise Halt, sei es ein gutes Wort, eine gemeinsame Unternehmung oder auch nur ein Lächeln. Jeder Kommunikationsakt festigt ein unsichtbares Band zwischen zwei Menschen oder lockert es – das erstaunliche daran ist aber wohl doch, dass das Gewebe (oder von mir aus auch Netz) für die meisten Individuen immer tragfähig bleibt oder zumindest Optionen zum Festhalten bietet.

Kann Geisteswissenschaft das alles liefern?

Sicher nicht. Ein paar Aspekte bekommt man aber sicher zusammen. Sprachenwissenschaft kann uns helfen, schon einmal Gedachtes wieder nutzbar zu machen oder überhaupt unseren sprachlichen Erkenntnisrahmen auszuloten. Geographie und Geschichtswissenschaften können helfen zu verstehen, nach welch einfachen und doch gerade dadurch unserem gedanklichen Zugriff entzogenen Konstruktionsprinzipien wir uns räumliche und zeitliche Narrative gestalten, die wir für wahr halten und an denen wir uns orientieren. „Dort ist es halt so!“ vs. „Weil das damals war, ist es heute so!“
Wirklich Orientierung geben kann sicher die Philosophie, der ich ein Verstehen-Wollen von Mensch-Sein und sich dieser Suche emotional verbunden fühlen zuschreibe. Wohl dem, der am Ende seiner Überlegungen zu dem Schluss kommt: „Dies habe ich durch Philosophie gelernt, dass ich tue ohne befohlen zu werden, was andere nur aus Furcht vor dem Gesetz tun!“ Nicht umsonst ist christliche Mythologie voller Verweise auf die antike Philosophie und selbst in der Abgrenzung von ihr bestimmt. Fakt ist aber auch: In allen Gesellschaften war eine solche erleuchtende Selbsterkenntnis ein Narrativ der Eliten – von Platon über den Humanismus und Utilitarismus bis hin zum Kommunismus – und ist letztlich gescheitert, weil ein solches Maß an Selbstbeherrschung kaum einige wenige Menschen aufbringen können, um ohne Fehler stets nach solch hehren Maximen handeln zu können. Wie heißt es in der Στοά? Es ist egal, ob wir hundert oder einen Meter unter der Wasseroberfläche ertrinken. Orientierung beinhaltet also auch Handlungsvorlagen, Gesetze, die helfen, wenn ein erkennender Ratschluss gerade nicht greift.

Jenseits von Wissenschaft

Ich behaupte: auch Geisteswissenschaft ist nur ein Teil von Mensch-Sein. Wirklich helfen kann sie dem Menschen nur, wenn er sich gestaltend darauf einlässt: Literatur und Kunst können helfen, den Alltag nicht ganz so furchtbar ernst zu nehmen oder gerade im Gegenteil durch Eleos und Phobos zumindest kurzzeitig unseren gewohnten Trott aufzubrechen, ein gesundes Maß an Verrücktheit in unser Leben zu bringen, das uns hilft, das Gewohnte zu ertragen. Das setzt aber voraus, dass derjenige überhaupt lesen, ins Theater oder die Ausstellung gehen will. Die alltägliche Praxis, das große Spiel, die „Geschichten, die das Leben schreibt“, die scheinbar alltäglichen Gespräche im Teppich des Lebens bieten aber sicher auch für den kleinen Mann einen Bezugspunkt, mithilfe dessen er sich täglich neu hinterfragen und auf den er sein Handeln gründen kann.
Als Fazit bleibt mir nur der Versuch, Shakespeare mit der orientierungsgebenden Macht der Narrative zusammenzuführen: Was bleibt an Erkenntnis, wenn ein jeder von uns erfüllt vom Verlangen nach Orientierung zusammen mit anderen, die ihn halten und inspirieren, zu unbekannten Zielen unterwegs ist? „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab. Sein Leben lang spielt einer manche Rollen!“

Dienstag, 27. September 2011

Wissenschaft

(Achtung, dieser Artikel beginnt mit Evidenzen, nicht mit Axiomen! Ansatz: Wir wollen ja nicht bei Adam und Eva anfangen, sondern die Punkte festhalten, die bereits unstrittig sind, um direkt zum Bereich interessanter Diskussionen vorzustoßen zu können. Wahrscheinlich sozialwissenschaftliches Denken…)

Klar dürfte sein: die spannendste Art, Wissenschaft zu betreiben, dürfte nicht im Anwenden einer erlernten Methode (gleich wie elaboriert sie sein mag), sondern im interdisziplinären Überbrücken von Gegensätzen liegen. Ab hier hören die Klarheiten auf; allein die Art des zu überbrückenden Gegensatzes variiert je nach Auge des Betrachters.

  • Natur- vs. Geisteswissenschaft
  • Erklären vs. Verstehen
  • Kalkül vs. Zustimmungswürdigkeit
  • Strukturwissen vs. Handlungswissen
  • Form vs. Inhalt
  • Quantitativ vs. qualitativ
  • uvm, das ich schon gehört habe.

Nicht nur, dass hier jede Form von Abstufung miteinander kombiniert wird, auch die verwendeten Begriffe selbst scheinen mitunter gar nicht so gut als Ausgangspunkt geeignet, da sie in vielen Fällen mit subjektiven Erfahrungen belegt sind.

Hangeln wir uns mal schablonenhaft durch, so wie ich das in den letzten Jahren mit meinen Studenten gemacht habe: Naturwissenschaften scheinen ihrem Proprium nach am klarsten definiert zu sein, zumindest was den Konsens der ihnen folgenden Gruppe angeht. Wesentliches Kriterium ist das Ableiten von klar parametrisierten Regeln aus Beobachtungen (induktiv), die von jedermann überprüft werden können (objektiv/nachvollziehbar) und die bei unbekannten Ausprägungen des beschriebenen Bereichs Ergebnisse liefern, die zu den neuen Beobachtungen passen (generalisierend). Größter Lieferant für neue Beobachtungen scheint hierbei die Zukunft, wodurch die Prognosefähigkeit der extrahierten Regeln eine große Rolle spielt. In der Wissenschaftstheorie im Rahmen der Geographie lehren wir das als logischen Empirismus.

„Geisteswissenschaft“. Hier ist es qua Sammelbezeichnung schon schwierig, alles über einen Kamm zu scheren. Genauso wie bei „Unkraut“ handelt es sich hier primär um eine Setzung des Gegenteils („Alles, was nicht Naturwissenschaft ist.“) Schwierig. In der Wissenschaftstheorie haben wir hier zum einen den kritischen Rationalismus: Der Wissenschaftler formuliert aus seinem Alltagsverständnis Regeln oder Theorien („Könnte so sein.“/deduktiv) und ersinnt geeignete Tests (objektiv/nachvollziehbar), deren Ergebnis zeigt, ob das definitiv falsch ist (falsifizierend). Dann muss die Theorie modifiziert werden, ansonsten darf sie (vorerst) in Kraft bleiben. Das ist für den Naturwissenschaftler wohl unproblematisch. Interessanter als Gegensatz wird es beim qualitativ-hermeneutischen Arbeiten. Durch die intensive Beschäftigung mit einigen wenigen Probleminstanzen wird das ganze Spektrum an möglichen(!) Zusammenhängen aufgedeckt (nicht-generalisierend). Ziel ist es vor allem, das Problem verstehen und begrifflich fassen zu lernen, so wie es sich in der (sozialen) Welt darstellt und zwar noch ohne Lösungen zu finden. Ziel ist es, die eigene Meinung so weit herauszuhalten, dass ein anderer Forscher die Ergebnisse bestätigen kann (intersubjektiv zustimmungswürdig). Durch das tiefe Problemverständnis sind solche Forscher zwar noch nicht in der Lage, Prognosen zu geben, wohl aber (politische) Handlungsempfehlungen der Form: „Wenn ihr wollt, dass das eher so sein sollte, könnt ihr da und da ansetzen.“ Unzweifelhaft ist es verführerisch stattdessen „Weil dies unzweifelhaft so und so IST, sollten WIR alle so und so handeln“ zu sagen, wie es in dieser Wissenschaft (ja, ich halte daran fest) leider üblich ist.

Für eine gegenseitige Befruchtung gibt es nun verschiedene Vorschläge, zu denen ich mir viele Standpunkte hier als eigenen Blog erhoffe:

  • Sein vs. Sollen; Funktion vs. Bedeutung (Klaus)
  • Formale (Mathematik) vs. inhaltsbezogene Geisteswissenschaften (Dietmar)

Stattdessen stelle ich meine bisherigen Einsichten vor: Die Stärke von naturwissenschaftlichem Denken ist zweifelsohne ihre Verlässlichkeit im Sinne von Reproduzierbarkeit. „Wenn A gilt und aus A in diesem System B in 80% der Fälle folgt, dann sollten wir nachschauen, ob B in so einem Anteil auftritt.“ Die Stärke von geisteswissenschaftlichem Denken ist zweifelsohne das Entdecken von Problemdimensionen „Ist euch eigentlich auch schon aufgefallen, dass Räume gerade in politischen Texten, aber auch in der Alltagssprache immer als klar abgrenzbarer, homogener Container gedacht werden? Offensichtlich handelt es sich dabei um eine kognitive Strategie zur Reduktion von Komplexität!“ Unmittelbar einsichtig ist es also nicht, warum der erste vom menschlichen Handeln unter Unsicherheit, der zweite vom Befolgen bestimmter formaler Regeln profitieren sollte.

Eine erste Näherung wäre sicher: Naturwissenschaften müssen problembewusster werden, insofern es in ihrem Kontext für die Beurteilung der Handlungsrelevanz keine Kriterien geben kann, die Ergebnisse aber in der Öffentlichkeit meinungsbildend verhandelt werden. Ein Blick durch die hermeneutische Brille in Form eines Screenings vor einem Projekt ist sicher billig und hilfreich. Geisteswissenschaftler müssen mündiger werden, was ihre alltägliche Produktion von Wissen angeht. Gerade weil sie Experten für die Strukturen alltäglichen Handelns sind, haben sie es nicht so leicht wie der Naturwissenschaftler, ihren Standpunkt vom intersubjektiv zustimmungswürdigen zu trennen.

Wie gesagt, eine erste Näherung. Ich freue mich auf eine rege Diskussion, die weitere Problemaspekte freilegt, die andere Empfehlungen (z.B. „mehr Mathematik in Geisteswissenschaften“) zustimmungswürdig machen.

DJK