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Montag, 7. April 2014

Die Idee eines nachhaltigen Hedonimsus

Ich mag Vierfeldertafeln. Sie sind so schön einfach und schaffen doch gleich begriffliche Komplexität, wenn es darum geht, zwei unterschiedliche Ordnungsskalen gleichzeitig auf ein Problem anzuwenden. Um mein aktuelles Phänomen darzulegen, auf dem ich aktuell herumkaue, muss ich etwas ausholen. So ist es bekannt, dass im menschlichen Gehirn unmittelbar Emotionen auslösen. Parallel dazu werden Sinnesreize neben der räumlichen auch durch die temporale Pipeline gejagt und dadurch etwas erhalten, was man zunächst noch Rhythmus (Frequenzanalyse) und Struktur (räumliche Konfiguration) nennen kann. Erst danach wird schrittweise Weltwissen und dadurch Bedeutung darum gelegt. Ganz am Ende steht das Broca-Areal, das als Tie Breaker bei unklarem Input fungiert. Das ist natürlich alles Halbwissen, das mir in dieser Form von einem Vortrag über Psycholinguistik in Erinnerung geblieben ist, ich will aber auf etwas anderes hinaus, und dazu brauche ich die Vierfeldertafel.

Strukturell kann man also im menschlichen Geist (unter Ignoranz der Differenz mind/Seele der kontinentaleuropäischen bzw. angelsächsischen Philosophie) im Gehirn verorten wollen, haben wir also Fühlen und Denken als wesentliche Zugänge zur Wirklichkeit. Dazu hätte uns die antike Philosophie gereicht, aber ich finde es faszinierend zu wissen, wie es funktioniert. Denken und Fühlen sind also meine zwei Achsen, die mein Koordinatensystem abstecken. Als Extremwerte will ich an jeder Seite ein zu früh und zu spät antragen; es ergeben sich also Situationen (oder evtl. Charaktere), in denen das Gefühl vorauseilt und der Gedanke nachhängt, der Gedanke vorauseilt und das Gefühl nachhängt oder beide für die Situation zu früh oder zu spät kommen. In der Mitte gibt es etwas, das man den Flow nennen könnte, das Gefühl, dass sich alles im richtigen Moment ereignet, die Umwelt sich wie geplant oder erhofft verhält und eigene Handlungen genau so einwirken, wie es der eigenen – kognitiven wie körperlichen Rhythmik – entspricht. Künstler haben das in ihrem Schaffensprozess, manche empfinden so etwas beim Tanzen oder beim Sport, mitunter lässt sich das sogar beim Programmieren oder auf der Arbeit erleben, wenn man gut Fortschritte macht. Fast immer ist es sehr euphorisiernd, aber fast nicht vorherzusehen und schon gar nicht durch angestrengtes Bemühen zu erreichen. Es erfodert die Fähigkeit loszulassen, oder zumindest einzutauchen, sich total auf etwas einzulassen. Das eigene Ich ist eigentlich eine Differenz zum Flow. Was aber, wenn Denken und Fühlen aus dem Rhythmus kommen? Was fehlt uns dann eigentlich?

Wenn Fühlen und Denken der Situation vorauseilen, muss auf die Welt gewartet werden. Wir empfinden Unruhe darüber, dass sich die Früchte unserer Handlungen evtl. nicht unmittelbar einstellen wollen, dass uns etwas oder jemand aufhält. „Du stiehlst mir meine Zeit!“ oder „Zeitverschwendung“ sagen wir und werden uns bei nächster Gelegenheit Situationen zuwenden, die schneller ablaufen. Wenn Fühlen und Denken beide hinterherhängen können wir der Situation nicht schnell genug folgen. In Stresssituationen können wir gar keine Entscheidung mehr treffen, wir blockieren uns selbst und andere. In ruhigen Situationen stellt sich das Gefühl, dass es ein Flow hätte sein können erst ein, wenn die Situation verbraucht ist. Wir können es nur noch nachstellen und daraus Freude ziehen. Wenn das Fühlen vorauseilt und das Denken hinterherhängt treffen wir teils unliebsame Entscheidungen für uns und andere. Handlung im Affekt sagen wir, wenn wir im Eifer des Gefechts Dinge sagen oder ins Rollen bringen, die wir allzu gerne aufhalten würden, aber nicht mehr können. Eilt das Denken voraus und die Emotion warnt uns nicht, haben wir häufig soziale Folgen unseres Tuns oder Denkens übersehen. Selbst wenn sie inhaltlich korrekt sind, können sie andere verletzen, vor den Kopf stoßen, unmoralisch oder asozial sein.

Was nun, wenn wir statt Situationen Charaktere annehmen? Typ I ist der hyperaktive, der sich durch seine Umwelt immer gebremst fühlt und bei langatmigen Tätigkeiten schnell die Lust verliert. Typ II ist der tragische, der sich über alles klar wird, wenn die Situation vorüber ist. Typ III würden wir klassisch als emotional bezeichnen, Typ IV als kühl-rational. Ihnen allen ist ihr gemeinsam, dass ihre Rhythmus und innere Struktur teilweise an ihrer Umwelt vorbeigehen, nur bei den letzten beiden kann es aber zu der Situation kommen, dass sie ihr teilweise emotionales bzw. vernüftiges Übereinstimmen mit der Siutation als partiellen Flow begreifen und die jeweils andere Dimension völlig ignorieren. Fehlt ihnen also die Selbstreflexion, so dass sie ihren Habitus als Maß der Dinge, quasi als Ersatzflow und alles andere als defizitär begreifen, werden sie gefährlich. Denn was nützt mir jemand, der handelt ohne an die langfristigen Konsquenzen zu denken, seien es Gedankenlosigkeit wie fehlendes Empfindungsvermögen?


Ich will nicht ohne ein Empfehlung, eine Maxime schließen. Mit einem Kollegen habe ich vor ein paar Monaten bei Glühwein die Idee eines nachhaltigen Hedonismus entwickelt: einer Genusssucht, die das Leben liebt, aber nie so dumm wäre, durch unbedachte Folgen sich selbst die Grundlage zu entziehen. An diesem Gedanken halte ich fest, solange ich mich weiter bemühe, recht zu denken und zu fühlen.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Ein Plädoyer für unordentliche Orte



Es gibt seltsame Orte. Eigentlich zeichnen sie sich dadurch aus, dass es Orte sein könnten, aber doch keine sind. Einen Bahnsteig zum Beispiel. Es gibt Sitzplätze, ein Dach über dem Kopf, Getränkeautomaten. Trotzdem lädt er nicht wirklich zum Zusammensitzen, zum Nachdenken oder zum Ausruhen ein. Zu laut rufen die ankommenden Züge mit kreischenden Bremsen, die abfahrenden mit heulenden Motoren, die Stehenden mitunter mit benebelndem Tuckern den eigentlichen Zweck in Erinnerung. Die gesamte Anordnung der räumlichen Gegebenheiten dient genau einem Zweck: Ein- und Aussteigen. Alles andere ist nur temporär, Wartezeit, die quälende Totalsperrung einer hektischen Welt. Es ist eine Anordnung, die sich einer abweichenden Aneignung gründlich widersetzt. Wer es dennoch versucht, erlebt und lernt viel, kommt aber nie an. Im Puls einer halben Stunde (so lange dauert es meist, bis auf demselben Gleis der nächste Zug einfährt) kommt es zu einem kompletten Austausch der umgebenden Menschen, die sich in diesen Ort mit einschreiben. Bestenfalls ist die gemeinsame Grundstimmung Rücksicht oder Ignoranz. Schlimmstenfalls das Setzen von Tatsachen (Handy-Gespräche, laute Musik, Zigaretten).

Tollkühn muten Transportinseln an, die man mitunter vom Fenster aus sehen kann, ist man doch eingestiegen. Sie erzählen eigentlich mehr über Mais- oder Zuckerrübenanbau, den Bewuchs von Bahndämmen oder geschotterte, provisorische Parkplätze, die sich verloren an sie drängen. Es gibt genau einen Bahnsteig, der zu ebener Erde zu erreichen ist und in Abwesenheit von Zügen oder Fahrgästen wie ein Fremdkörper wirkt: kein Fußweg führt vom Parkplatz  weg, kein Zug verspricht Linderung. Es bliebe nur der vorsichtige Gang entlang der Landstraße, dorthin, wo die nächsten Dörfer ihre ungefähre Lage durch Kirchtürme verraten, ein Weg, der gleichfalls wie ein Verstoß anmutet, da die gefährlich nah vorbeifahrenden Autos entweder ihre Geschwindigkeit nicht verringern oder bewusst weit ausholend den Gefährder umfahren.

Es gibt Orte, die könnten irgendwo liegen und rufen doch dieselbe Reaktion hervor: Glatt spiegelnde Wasserflächen an sandigen Säumen oder nahe in üppigen Grün überhängenden Pflanzen, die ihre Finger ins kühle Nass strecken, als wollten sie spielen, Bootsstege mit schaukelnden Wellen, ein sanfter Wind und das beruhigende Rauschen der See oder eines nahen Baches. Würde man dieselben Menschen vom Bahnsteig fassen und in Sekundenbruchteilen in ein solches Szenario versetzen, würde es nicht lange dauern, bis die Musik abgestellt, die Bücher zugeklappt, die Notebooks verstaut wären, bis das erste Lächeln über die Gesichter huschen würde, bis Jacken beseite gelegt oder zu Decken improvisiert würden, bis ganz automatisch erste Wortfetzen mit zustimmendem Nicken quittiert würden. Zugegeben, die Handys wären noch da, jetzt allerdings zum Festhalten der Stimmung für die Daheimgebliebenen im Bild.

Die wesentliche Frage lautet also: Was ist es, das aus einem Zusammenkommen von unterschiedlichen Komponenten einer räumlichen Anordnung so deutlich unterschiedliche Daseinsmodi suggerieren? Was ist unveränderlich und was haben wir nur vergessen, anders zu betrachten?

Die Anfälligkeit von Orten gegenüber den Gefühlen der Menschen, die ihnen mit Widerwillen, mit Unbehagen oder mit Scheu begegnen, die zumindest der dominanten Deutung nicht entsprechen, kann dem aufmerksamen Betrachter überall begegnen. Grünflächen, wenn sie nicht vom besten Freund des Senioren, sondern von unangenehm laut lachenden Jugendlichen belagert werden, die sich dort einfach hinsetzen. Da muss man schon mal zur Ordnung rufen! Auch eine Bar oder auch ein Club sind zunächst eine prima Sache, wenn man neue Menschen kennenlernen will. Für jeden Musikgeschmack gibt es schließlich Alternativen, an alle ist gedacht, Raucher wie Nichtraucher, tiefsinnige Gespräche und direkte Avancen, Tänzer wie Tanzverweigerer, Cocktail- oder Korntrinker. Und doch sind es Kleinigkeiten, falsche Kleidung am falschen Ort, das falsche Getränk, das falsche Wort, die einen Besucher maximal von diesem Ort entfremden, zu einem Kork auf der Oberfläche werden lassen, mitschwimmend und doch abgestoßen, umgeben von Menschen und doch fremd. Es sind so Kleinigkeiten wie die falsche Tageszeit. Schon mal abends ein frisches Hörnchen gefunden? Oder vormittags auf dem Oktoberfest gewesen?

An sich ist es erstaunlich, wie alternativlos Menschen mit völlig verschiedenen Hintergründen auf diese Welle einschwingen können, die ein Ort ausstrahlt, wie leicht es ihnen z.B. fällt, sich im Schutz des konzertierten über die Stränge Schlagens einer Party aufeinander einzulassen, auf Menschen, die am Bahnsteig oder mitten in der Hektik des Vormittags einander keines Blickes würdigen würden. „Es tut gut, mal richtig Party zu machen! Einfach loszulassen!“ erzählen sie. Man ist versucht zu entgegnen: „An was hast Du denn vorher so krampfhaft festgehalten?“ Ist es nicht erst die unhinterfragte Struktur des Alltags, die in Wahrheit Freiheit raubt?

Es gibt eine Menge geordneter Unorte, z.B. Schulen, die den Geist einschränken, anstelle ihn zu bilden. Klassenzimmer als Schubladen, deren Inhalt wie ein Zettel zur Beschriftung alle 45 Minuten ausgetauscht wird, Büros, in denen für Aufgaben exakte Zeiten bemessen werden. Spielplätze, hat einmal jemand gesagt, sind tolle Erfindungen; wenn man den Sand, die Geräte und die lachenden Kinder wegdenkt, die Gleichförmigkeit ihrer Gestaltung sieht und den Zaun, der schützen soll, sind sie nichts weiter als Kinder-Ghettos.

Im Sommer, wenn die klimatischen Bedingungen stimmen, wenn die Abende lang und mild sind, laufen sie zeitgleich, als wären sie programmiert, mit Tüten voll Grillgut, Kohle, Kästen voll Gebräu und grinsenden Mienen in Gärten, wo immer ein Stück Grün Freifläche bietet, umgeben von ihresgleichen, übertreffen sich in erlernten Kulturtechiken und versichern sich der Besonderheit der Situation, wenn sie bierselig über alles und nichts reden. Bald ziehen Rauchschaden um alle Häuser, fläckern Feuer, glimmen Kohlen, klingt Musik, als griffen Automatismen, als wäre es unnötig zu denken und zu fühlen, als wären Veränderungen mühselig und alles Einfache erstrebenswert. Ist das nicht gelinde gesagt, phantasielos?

Es gilt zu erwägen: ein Ort ist keine Anordnung von Dingen, er ist ein Gefüge von Zutaten, die von vielen Menschen in die richtige Mischung gebracht, geknetet und gebacken werde müssen, bevor sie reifen und Sichtbarkeit erreichen. Stimmt das Mischungsverhältnis nicht, oder trifft es schlicht nicht den Geschmack, ist er für den einzelnen Besucher verdorben. Er wird ihn vermeiden, gleich wie viele er anzieht, er wird es vorziehen, andere Ort aufzusuchen, zu mischen, zu wenden und zu verfeinern, bis für wenige Momente durch die Anwesenheit und Mithilfe anderer ein besonderes Rezept gelungen ist. Kleinkunst am Straßenrand in Berlin kann nur so funktionieren.

Insofern scheint es zwei Wege zu geben, kreativ zu bleiben und die Ordnung der Orte nicht allzu ernst zu nehmen, ihnen auch mal die Frisur zu zerzausen und die Strenge zu nehmen: Es ist mitunter wichtig, den Ablauf und die räumliche Struktur eines Events zu kennen, bevor man dorthin geht, weil man nur so die Gedanken frei hat für neue Kontakte, unerwartete Gespräche, einmalige Erlebnisse und neue Inspirationen. An zu viel Veränderung auf einmal kann nur der geübte Kosmopolit nahtlos anschließen. So tut es gut, Anordnungen vorzufinden, die bekannt sind: Eben weil, die Kohle glüht wie immer, das Bier und das Steak schmecken wie immer und der Ort in den Hintergrund treten kann für den Blick auf die Menschen. Und doch ist es wichtig, den kleinsten gemeinsamen Nenner auch als solchen zu begreifen und nicht als unveränderlich zu denken. Ver-rückte Orte erforschen sich am besten in vertrauter Runde: Denn liebende Menschen kann man überall mit hinnehmen.

Freitag, 14. Juni 2013

Aufruf: Denken in Alternativen

Dies wird ein nachdenklicher Blog. Ein Rundumschlag des Nicht-Wissens. Eine leise Ahnung vom vielleicht nicht wissen können, wie Aristoteles es bereits formulierte. Vielleicht ein Blog über den Irrtum vom gelingenden Leben. Im Sinne der Nicht-Repräsentationalisten: Future is not a place - it's just a becoming.

Alles fängt damit an, wie Adam Smith bemerkte, dass Menschen Anteil am Schicksal anderer Menschen nehmen - und sei es nur aus dem Vergnügen heraus, Zeuge davon zu sein. Es gibt eine ganze Menge von Zeugen: Zeitzeugen, Augenzeugen, Kronzeugen. Immer geht es darum, dabei gewesen zu sein, Teil eines situativen Rahmens, vielleicht aber auch außerhalb eines solchen Rahmens, quasi im Türspalt zugesehen zu haben. Nicht immer muss es um Leid und Verbrechen, um Umstürze und Wutbürger, um Peinlichkeit und Intimität gehen. Gelingendes Zeuge-Sein fängt bei den Empfindungen des Einzelnen an, beim Regen, der auf die Haut fällt, beim Licht der Abendsonne, beim Duft der Blumen, bei Summen der Insekten, beim Lachen und Singen. Erinnerungen sind immer dann stark, wenn sie synästhetisch gekoppelt sind und seien Teile dieser Erinnerung reine Imagination. Sie prägen, was wir hoffen und sehnen, auch wenn wir es faktisch nie erlebt haben oder nie erleben werden. Es ist die Vorstellung von Situationen, in denen Verschiedenes zusammenkommt: Stimmungen, Emotionen, Orte und Menschen, im rechten Moment in der rechten Konfiguration, der rechte Satz im rechten Ohr - dann gelingt Dasein.

Wir können es dem Zufall überlassen. Fatum. Dann ist es nur Glück, ob wir glücklich sind. Dann lassen wir uns treiben, in der Hoffnung, im Besonderen angetrieben zu werden, jederzeit bereit, alles liegen und stehen zu lassen, wenn es soweit ist. Dann reicht es uns, Lose bei Lotto zu kaufen, Fußball und Formel 1 zu schauen und den Nachbarn ihr vermeintliches Glück zu neiden. Gegebenenfalls gute Ratschläge zu geben wie der Mann mit den Glasknochen in Amelie oder Obi Wan als Geist, nicht einzugreifen, hypothetisch zu handeln und nur Vergnügen zu empfinden, Zeuge der Resultate Handlungen anderer zu sein. Es kann durchaus befriedigend sein, der allweise Schiedsrichter zu sein. Bis sich die Frage stellt: Hätte ich mitspielen sollen? Wäre es mir gelungen? Dann reicht es nicht, zu schauen. Am Ende steht das Handeln.

Die Freiheit des Handelns ist unmittelbar an Verantwortung gebunden. Seit Nachtzug nach Lissabon weiß ich auch wieder, dass ich das ursprünglich bei Tugendhat gelesen habe. Die Möglichkeit zum Handeln ist Freiheit und sie ist es nicht nur, weil wir immer auch die Option hätten, es nicht zu tun, was wir gerade wollen. Natürlich gibt es alternativloses Handeln. Ohne (maßvolles) Essen und Trinken funktioniert Leben nun mal nicht. Vielleicht ist es auch nur unsere gefühlte Freiheit, die viel größer ist als die tatsächliche. In jedem Fall ist soziales Handeln keine Funktion unseres kognitiven Zustands in seiner sensorischen Situiertheit. Wir können abwägen, überlegen und uns schließlich entscheiden. Alternativlos ist Handeln aber auch immer dann, wenn es automatisiert, routiniert ist. Wenn wir nicht mehr wachsam dafür sind, wie Welt eigentlich auch noch gedacht werden könnte. Verantwortungsvolle Freiheit bedeutet nämlich Denken in Alternativen.

Die vielleicht wichtigste Form der Alternative ist der Kontrast. Eine Negation ist leicht auf alles anzuwenden. Deswegen ist die Vierfeldertafel auch nicht nur in der Philosophie als Analyse-, sondern auch in der Betriebsführung als Entscheidungshilfe sehr beliebt. Beide Merkmale nein? Gut. Beide ja? Schlecht. Eines nein? Unklar. Wirkliche Alternativen bieten sich solche einfachen, handlungsleitenden Regeln nicht. Alternativen stellen das Unhinterfragte in Frage, schieben die alltägliche Praxis im Diskurs der anderen beiseite und legen den Finger in die Wunde. Auch wissenschaftliche Hypothesen werden erst dann spannend, wenn sie eine Alternative zum bereits Bekannten aufstellen. Warum wird eigentlich immer der Sonnenuntergang als romantisch empfunden? Semiotikern fiele schon so einiges ein, vom Symbol der Transzendenz, vom Symbol des "not over yet", vom Spiel von Licht und Schatten. Und sicher ist so mancher Sonnenuntergang magisch schön. Doch verpassen wir nicht etwas, wenn wir nur auf ihn fokussieren? Die Frage allein zeigt nur den Zweifel, nicht aber eine Hypothese auf. Noch fehlt der Kontrast, das out-standing im Wortsinn, das eine kreative Alternative ermöglicht. Erst ein Spielen mit den Konstituenten einer Frage macht die Sache interessant. Wäre vielleicht ein verregneter Abend romantisch? Kaum. Aber wieso eigentlich nicht einmal auch einen Sonnenaufgang romantisch finden. Also ganz früh aufstehen und den ersten Strahl der Sonne gemeinsam genießen. Das tun wenige.

Bedenkt man es genau, sind viele Handlungen auf eine solche Weise vorgeprägt und belegt. Ich möchte es vorerst binding nennen, wenn eine Handlungsweise durch ihre Bezogenheit auf eine bestimmte Situation dem Gegenüber, auf das die Handlung bezogen ist, in ihrer Vorstrukturiertheit und Überbestimmtheit Gewissheit über die Absicht des Handelnden gibt und eine Reaktion ermöglicht. "Wollen wir uns heute Abend den Sonnenuntergang ansehen?" Pragmatikfrei sprechen wohl nur Informatiker. Es hängt natürlich von Intonation, von der Situation ab, in der gesprochen wird. Ist es mit einem scheuen Seitenblick gesprochen? Sind dabei Blumen in der Hand? Nicht immer stehen Zusatzinformationen zur Verfügung. Bereits Kommunikation am Telefon zum Beispiel schneidet Kontext ab, macht Verständigung unbestimmt. Sagt dies ein junger Mensch zu einem anderen, besteht jedoch zu der Vermutung Anlass, dass mehr gemeint ist. Es gibt unzählige weitere Beispiele für binding: In den meisten zeitgeographischen Korridoren des Alltags lernt man keine neuen Menschen kennen; man hastet achtlos aneinander vorüber. Wen man kennt, kennt man zunächst in einer bestimmten Rolle, als Kollege, als Chef, als Mitschüler, als Nachbar. Es ist zumeist kein großer, aber ein im Bezug auf die Anzahl unserer Bekanntschaften seltener Schritt, allein schon diese Rolle aufzubrechen und ein wirkliches Kennenlernen anzuregen. Es sind klar bestimmte Situationen, die zumeist dafür legitim erachtet werden. Ein Café zu besuchen. Neutraler Boden mit Notausgang. Schon eine Einladung nach Hause oder zu einem Mittagessen sind oft viel zu viel. Das kommt erst im nächsten Schritt.

Nichts ist offensichtlich schwieriger, als eine Freundschaft zu beginnen. Kann man eine Freundschaft explizit beginnen? Kann man metapragmatisch ausdrücken: "Heute beginnen wir unsere Freundschaft!"? Sie entwickelt sich, wenngleich häufig unausgesprochen, durch gemeinsame Aktivitäten, durch bewusste wechselseitige Bezogenheit des Handelns. Sie vertieft sich durch Verständnis. Sie lebt von Toleranz. Sie ist zerbrechlich. Freundschaft ist irreversibel. Sie glückt oder sie scheitert. Sie ähnelt der Liebe. Im Vertraut-Sein, im Vertrauen, im Vermissen. Nichts verletzt so sehr wie enttäuschte Freundschaft. Jeder zusätzliche Aspekt, der zwei Menschen in Freundschaft verbindet, kann bei seinem Scheitern alle anderen Aspekte mit der Unweigerlichkeit eines Damoklesschwerts in den Abgrund reißen. Wenn aber ein Freund sagt: "Einen jeden von Euch habe ich in diesen Tagen, die wir zusammen waren, aufrichtig lieben gelernt!", wenn eine Schwägerin sagt: "Ich liebe und schätze Dich sehr!", dann ist es nicht die überstrapazierte Geschlechtlichkeit, es ist das offene Herz eines Menschen, das spricht, dann Verwischen die Grenzen zwischen Familie, Freundschaft und Liebe, dann entstehen für einen Moment echte Alternativen.

Nichts ist leichter und schwieriger als zu lieben. Und ist es nicht fast lachhaft paradox, dass aus Angst vor Bindung häufig ein binding bevorzugt wird, also wie dargestellt eine vereinfachende Strukturierung der Welt, in der alle Handlungen eine klare Semantik tragen, durchsichtig sind und somit letztlich leicht ablehnbar? Dass also zusätzlich zur Schwierigkeit des Liebens die Barriere eines Sprechens über die komplizierten Spielarten von Liebe aufgebaut wird? Alleine „Ich mag dich!“ ist oft übersexualisiert, verwirrt und weckt Befürchtungen. Bei Freundschaft im Überschwang von Liebe zu sprechen, wäre heute vielerorts sozialer Selbstmord. Abseits vom alkohollegitimierenden Dunstkreis der Parties (meist phantasielos: Grillen im Sommer, Glühwein im Winter), der im Alltagsdiskurs zu weit gehende Äußerungen durch den Konsum von Bier entschuldbar macht ("Ich liebe Dich!" - "Ja, passt scho!"), ist es ein scheues umeinander Schleichen, bestenfalls der Versuch, den Kontext des gegenseitigen Kennens behutsam zu erweitern, Vertrauen zu erwerben und mit der richtigen Mischung aus Berechenbarkeit und Inspiration weiter aufzubauen. Liebe in ihrer Form als bedingungslose und aufrichtige Freundschaft, steht damit ganz oben auf der Verlustliste zeitgeschichtlicher Alltagsdiskurse. Bestenfalls alte Menschen und Kinder dürfen lieben. Alle andere stehen rasch im Verdacht ihrer Geschlechtlichkeit. Was für ein Unsinn: "Ich bin Bi, damit ich mehr Auswahl habe". Ich habe, glaube ich, in vorigen Blogeinträgen klar gemacht, dass ich kein Geschlechts-Nazi bin. Was mich stört, ist das "damit"! Wo ist die Menschlichkeit geblieben? Wo ist die Freude daran geblieben, Zeitzeuge eines wundervollen Menschen sein zu dürfen ohne ihn auf die Möglichkeit eines gemeinsamen Geschlechtsaktes zu reduzieren?

Es scheint Sitte zu werden, dass meine gesellschaftskritischen Blogs mit einem Aufruf zur Toleranz, nach vorbehaltloser Zuwendung und dem Willen, Unverständnis abzutragen, enden. Heute möchte ich den Aufruf nach Alternativen hinzufügen. Brecht die Strukturen auf, denkt Welt anders. Verstoßt gegen die Engstirnigkeit des Diskurses, zeigt, dass die Welt menschlichen Handelns bunt und nicht regelbasiert beschreibbar ist. Seid verantwortungs- und respektvoll und habt den Mut zu irritieren. Den nur Irritation, das out-standing als Kontrast zum grauen Einheitshintergrund erwartbaren Verhaltens, kann anderen die Inspiration und den Lebensmut schenken, die für ein gelingendes Leben essentiell sind.

Samstag, 9. März 2013

Für mehr Menschlichkeit

Der heutige Blog wird sich wieder einmal mit meinem Unverständnis beschäftigen. Ich kritisiere ja gerne und oft, aber Eines will mir einfach nicht in den Kopf: wieso sind so viele Menschen mit so wenig zufrieden, selbst wenn sie dadurch selbst am meisten leiden? Ich will mit drei Ausgangsbeobachtungen beginnen:

- Viele Menschen haben einen Hang zu Leitdichotomien. Egal ob es die Mann-Frau-Geschichte, Vorurteile über das äußere anderer Menschen oder das ständische Gehabe bestimmter Berufsgruppen sind.
- Diese Leitdichotomien strukturieren offensichtlich das Leben dieser Menschen und geben ihnen Orientierung. Perverserweise empfinden sie das als wohltuende Einfachheit, als "die Welt in Ordnung bringen", wenn mit einer einzigen begrifflichen Differenz schon klar scheint, was zu tun und wie zu handeln ist. Das hat natürlich etwas mit Erwartungshaltung zu tun. Weiß ich, was "in Ordnung" ist, gehe ich davon aus, dass es mein gegenüber auch weiß und wir die Einigkeit darüber nicht erst mühsam aushandeln müssen. So funktionieren Diktaturen und Faschismus, so funktioniert aber auch die alltägliche Ausgrenzung von allem, das die eigene Identität und somit den primären Zugriff auf die Welt bedrohen könnte.
- Tritt die Bedrohung ein, brauchen solche Menschen eine Bezugsperson, die ihnen sagt, was sie zu tun haben. Diese Rolle können Demagogen aller Art, Populisten und Radikale aller Art füllen. Ich verstehe langsam: Radikal zu sein bedeutet, ein übergeneralisiertes Konzept trotz mangelnder Passgenauigkeit auf die Phänomene des Alltags "einfach" durchfechten zu wollen. Etwas harmloser, aber ebenso sinnlos ist der Versuch, Einfachheit durch den bewusst gesuchten Verlust von Kontrolle herzustellen. Sex, Drogen, Alkohol.

Was ich nicht verstehe: warum bereitet es so viel Menschen so große Schwierigkeiten, auch nur ein bisschen Komplexität im Leben auszuhalten? Es kann doch so unglaublich bereichernd und inspirierend sein, sich mit dem Unterschiedlichen auseinanderzusetzen, mit dem Widersprüchlichen und einer Wirklichkeit, in der, um es gleich vorweg zu nehmen, das wichtigste der Respekt vor dem Da-Sein der anderen ist!

Ich denke hier an die momentane Debatte um die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare. Ich denke an die Beispiele, von denen ich weiß. In denen ein Leben in Einsamkeit, die Folge eines unerfüllten Kinderwunsches ist, weil die "Ordnung" einem Menschen wie jedem anderen das Recht auf Erziehung eines Kindes abspricht oder in denen engagierten Christen ein Dienst an der Kirche versagt wird, weil sie die Regeln verletzen. Ich will hier nicht darauf eingehen, dass unsere Gesellschaft sich sicher weiterentwickelt hat und das Schicksal eines Alan Turing heute nur noch für Entsetzen sorgen kann und eben nicht mehr in Ordnung ist. Ich will hier umgekehrt auch gar nicht auf die haltlosen Argumente konservativer Politiker eingehen, die einen Gegensatz von Ehe und Familie und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften konstruieren, wo keiner ist. Ich will auf den grundlegenden Gegensatz, die Leitdichotomie von männlich und weiblich eingehen, die immer noch im Alltag gedankenlos reproduziert wird. Und ja, ich meine damit auch den #Aufschrei, der durch's Web wabert. Natürlich wird die Leitdichotomie Frau von dieser unsäglichen Unzahl von Männern reproduziert, die (kann sich das im Laufe der Evolution als nützlich für das Entstehen einer Nachkommenschaft erwiesen haben?) in derselben einfachen Empfindung, in der sie überwältigt von ihrer Wahrnehmung, die Kontrolle über sich selbst verlieren, eigenartig anzügliche Zuschreibungen machen, die eine einigermaßen gebildete Frau nur sprachlos zurücklassen können. Obwohl ich mich so sehr als Gegner einer solchen Praxis fühle, dass ich mich in gewisser Weise als Feminist fühle, verwundert mich auch die Reaktion, die sie diese Leitdichotomie ja implizit bestätigt.

Mir ist klar, dass ich hier mit der Fortpflanzung an den wohl basalsten Triebe rühre, der ja wohl ursächlich an der Mann-Frau-Differenz beteiligt ist, es kann nicht das Ziel sein, diesen wegleugnen. Mein Forderung ist jedoch noch grundlegender: So basal die Leitdichotomie des Geschlechtlichen auch sein kann, wieso vergessen wir darüber die einfache Tatsache des zugrunde liegenden Menschseins? Die Lage ist doch wohl folgende: solange ich mir Gedanken darüber machen muss, ob ich als Frau weiblich genug bin oder solange ich als Mann zur Männlichkeit angehalten werde, ist menschliches Leben schlicht unglaublich viel ärmer, als es sein könnte.

Die Forderung: Weg mit Männer-Domänen, weg mit zelebrierter Weiblichkeit? So einfach und leicht ist es sicher nicht. Aber etwas mehr (Mit-)Menschlichkeit, etwas mehr Anteilnahme, ja vielleicht sogar wohlwollendes Interesse an den Menschen, die mit uns leben und genau wie wir ein glückliches Leben, einen gelingenden Selbstvollzug von Dasein wünschen, sollten wir aufbringen können. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen im Alltag den Mut haben, diese unsäglichen Gender-Klischees permanent zu karrikieren, zu übertreten und ad absurdum zu führen. Mehr Frauen, die Fußball spielen, mehr Männer, die Pilates machen! Weniger schlechte Witze und mehr Respekt! Erst wenn wir in unserem Gegenüber vor allem einen anderen unserer Selbst, ein menschliches Wesen erkennen, sind wir wirklich vollends fähig, dem besonderen Menschen in unserem Leben aufrichtige und wirkliche Liebe zu schenken.

Sonntag, 3. Februar 2013

Macht? Macht nix!



Nachdem ich den Blog aufgrund einer fiesen Wintergrippe die letzten Wochen vernachlässigen musste, melde ich mich heute mal wieder mit einem kurzen Nachsatz zur Generation Y:

Das Schlüsselerlebnis ist diesmal ein längeres Gespräch mit einem Gleichaltrigen, der im Management einer größeren fränkischen Automobil- und Industriezulieferer arbeitet. Zunächst war ich beruhigt, so viele Parallelen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu sehen (es arbeiten halt überall Menschen)  und dann hat mich doch wieder das Grauen gepackt (es arbeiten halt überall fiese Menschen). Ich wage mal einen Vergleich von hierarchischen Organisationsstrukturen mit flachen, projektbezogenen:
  • Parallelen: überall muss mittlerweile lebenslang gelernt und folglich gelehrt werden, überall gibt es Verantwortung für Personal, überall muss die Organisation durch Leistung getragen werden
  • Klare Unterschiede gibt es zwischen sach- und projektbezogenen Strukturen und hierarchisch aufgebauten:
    • Projekt: Der Projektleiter ist primus inter pares, spürt die Verantwortung für seine Schäfchen, ermutigt zu Eigenengagement und Kritik, schafft die Finanzierung ran, hält dem Team den Rücken frei und hat immer ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte (könnte alles, was das Team kann, selbst auch und hat daher den Respekt erworben und disziplinarische Macht nicht nötig). Karriere machen bedeutet, sich aufgrund qualitativ hochwertiger inhaltlicher Arbeit einen Namen gemacht zu haben.
    • Hierarchie: Es gibt ein Mittleres Management zwischen sachbezogener Arbeit und den letztlich Entscheidugsbefugten, z.B. im Vorstand. Dort toben Verteilungskämpfe, in denen es an der Sache vorbei, mit volks- und betriebswirtschaftlichem Schaden und ohne Not nur um das eigene Vorwärtskommen geht. Erstaunlicherweise wird dieses System, das sehr an Nomic oder Junta erinnert, durch Geld belohnt: Wer sich durchsetzen kann, bekommt den nächsthöheren und noch besser bezahlten Job. Zum Machterhalt wird nach unten ein divide et impera-System etabliert, um das Wissen auf der Leitungsebene nicht allen Mitarbeitern zu offenbaren und somit nicht rechts überholt werden zu können. Die Arbeit wird dabei so geschickt auf die Mitarbeiter delegiert, dass Zeit für die eigentlichen Schachzüge bleibt: Auf derselben Hierarchieebene wird nämlich die Konfrontation gesucht: Zählt ohnehin meist nur die Anzahl der "Indianer", die man als "Häuptling" unter sich hat, wird darüber hinaus der Aushandlungsprozess in Sachfragen als Anlass genommen, um sich zu profilieren oder „Gegner“ als unqualifiziert dastehen zu lassen. Dazu werden Seilschaften und Bündnissysteme, durchaus auch mit protegierenden Personen auf höheren Leitungsebenen eingegangen, um im Zweifel die eigenen Ziele (ohne Anspruch auf die Optimalität der Lösung) durchfechten zu können. Wer zurückzieht, verliert nur einmal und kann sich nur durch Wechsel in eine andere, ähnliche Position an einem anderen Standort oder einem anderen Unternehmen rehabilitieren. Es geht nicht um Verantwortung, es geht nur um Macht. Karriere machen heißt also, unliebsame Mitspieler so auszuspielen, dass man unter hohem Einsatz von Arbeits- und Lebenszeit in eine Leitungsposition aufsteigt, die etwas entspannteres und gut dotiertes Arbeiten ohne Angst vor sofortiger Revolte ermöglicht.
·         Fazit: Mir schaudert. Da bleib ich lieber Wissenschaftler (für die es im obigen System zumindest "unten", wo die inhaltliche Arbeit getan werden muss, reichlich Platz gibt): dem muss man gerade so viel zahlen, dass er nicht über Geld nachdenken muss (weder bei einer anstehenden Kaufentscheidung, noch weil es ihm zu viel wird) und sich in Ruhe seiner Forschung widmen kann.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Das Wort zu Weihnachten: Für mehr Toleranz

Anfang des Jahres habe ich ja bereits zur Zwangsläufigkeit von Reduktionismen gedacht. Nach einigen fruchtbaren Diskussionen (mit meiner Frau, auf Tagungen, mit Freunden) diesen Monat will ich den Gedanken hier nochmals neu aufgreifen und weitertreiben. Ausgangspunkt ist dabei die offensichtliche Analogie (oder tatsächlich Isomorphie?) von Radikalisierung - ich hoffe, dass ich dabei Gedanken weite und nicht unnötig reduziere. Deswegen will ich den folgendenTeil auch nicht in ein Vergleichsschema pressen, sondern als Fließtext behandeln:

Raum. Da bin ich von Berufs wegen natürlich besonders hellhörig für räumliche Reduktionismen. Unser Geist (materialistisch: Hirn) legt inhaltlich homogen und klar begrenzte Container auf die Welt, die wir mit allerlei Bedeutungszuweisungen aufladen können. Gegen diese kognitive Strategie ist kein Kraut gewachsen - dies ist unser primärer Zugriff auf die Welt. Wir können uns aber darüber im Klaren sein und dabei möglichst wenig undifferenzierte Aussagen machen. Radikalisierung droht immer dann, wenn ein Container mit seinem dazu gedachten Nutzungsanspruch normativ gesetzt wird und andere Nutzungen zumindest implizit als nicht angemessen deklariert werden. Auf unterschiedlichen Maßstabsebenen haben wir dann Nationalismus, Regionalpatriotismus oder urbane Segregation von Bevölkerungsgruppen mit allen Folgen für Machtausübung, Gewaltandrohung etc.. Eine aufgeklärte Verhaltensweise wäre wohl nicht eine möglichst häufige, provokante Grenzüberschreitung (Besuch bei den Assos? Das würde negative Images nur aufschaukeln), sondern eine Entgrenzung des Denkens: eine differenzierte Bewertung jeder Ortssituation ohne vorgefertigte Bewertungsmuster.


Geschlecht. Hier hat sich unsere Wahrnehmung im Laufe der Evolution naturgemäß (es soll ja Nachwuchs geben) auf die Leitdichotomie zwischen Mann und Frau eingeschossen. Auch wenn biologisches Geschlecht nicht eindeutig sein muss, sind es vor allem die Gender-Rollen, die sozial konstruiert über diese Leitdichotomie gelegt werden, die Ärger machen. Im besten Fall ist es wieder ein einfacher Zugriff auf die Welt, der Erwartungshaltungen auszuhandeln hilft, im schlechtesten Fall droht wieder Radikalisierung in Form von Sexismus, die bestimmtes Verhalten normativ belegt und anderes ausschließt. Leider finden sich solche schwarzen Schafe all zu oft unter Männern, die scheinbar eine reichhaltigere, komplexere Welt nicht ertragen. Als erklärter Feminist könnte ich kotzen, wenn Männer ihren Frauen unter Androhung von Sanktionen eine berufliche Laufbahn versagen. Noch irrer ist, dass es im 21. Jahrhundert tatsächlich noch Frauen gibt, die sich davon beeindrucken lassen. Eine aufgeklärte Verhaltensweise wäre demzufolge natürlich eben nicht eine wahlfreie (Über-)Sexualisierung des Alltags: aber versucht es doch mal mit aufrichtiger Anerkennung des Menschen im Anderen...

Glaube. Jetzt wird es kompliziert - hierzu muss ich eine Setzung machen: unter Glaube verstehe ich allgemein die positive Kraft, die uns Lebensmut gibt und und immer wieder neu auf's Leben hin ausrichtet, wenn uns der Mut fehlt, woher auch immer wir diese Kraft beziehen - seien es Esotherik, Parties, Reisen, andere Menschen oder der Glaube an ein höheres Wesen. Bildlich ausgedrückt ist es die Kraft, die uns dazu bringt, auf einem blauen Sandkorn, das auf ständigem Kollisionskurs durch's Weltall eiert, in aller Seelenruhe ein Haus zu bauen, eine Familie zu gründen und abends auf der Terrasse zu sitzen und den Sonnenuntergang zu bewundern. Die Leitdichotomie zwischen Leben und Tod selbst ist dagegen grundsätzlich und alternativlos. Die Radikalisierung in Form von Fundamentalismus ist dann, wenn die eigene Quelle dieser Kraft über alle anderen erhoben wird und alle anderen im besten Fall verirrte Schafe, im schlechtesten Fall Ungläubige sind, die es zu töten gilt. Eine aufgeklärte Verhaltensweise ist hier eben nicht der religiöse Eklektizismus (heute Buddha, morgen vegan, übermorgen Animismus), sondern Toleranz und Wertschätzung für die positiven Werte, die andere Menschen antreiben - und vielleicht sogar ein bisschen Freude daran.

Politik. Es ist nach den vorgenannten Beispielen, denke ich, folgerichtig, Politik als das Feld der Verhandlungen über die Ausrichtung gemeinschaftlichen Handelns auszuweisen. Radikalisierung droht hier von allen Seiten: das können Raum, Glaube oder Geschlecht und noch etliche weitere Reduktionsmen sein. Radikalisierung heißt, dass sich Menschen, die dem Schema nicht entsprechen, nicht am gemeinschaftlichen Handeln beteiligen dürfen, aus der Handlungsgemeinschaft ausgestoßen werden oder man ihnen im schlimmsten Fall ans Leben will. Eine Emazipation ist auch hier nicht durch Vermischung von Leitdichotomien (National-Sozialismus lässt grüßen) zu erreichen, sondern nur durch verantwortliches, auf das Wohl aller Menschen hin ausgerichtetes Handeln (ohne jetzt ohne weitere Prüfung einem reinen Utilitarismus das Wort reden zu wollen).

Halten wir fest: die grundlegende Gefahr aller kognitiven Strategien zur Komplexitätsreduktion ist die Institutionalisierung von normativ gedachten Diskursen in Organisationen, die eine wie auch immer geartete Ordnung überwachen sollen: Parteien und Staatsapparate, Kirchen und Glaubensordnungen, Stammtische und Strickabende. Das soll wiederum nicht heißen, dass die Staatsform der Wahl die Anarchie sein sollte, sondern nur, dass solche Institutionen die Möglichkeit und Macht zu Kontrolle ausüben können und somit die Gefahr besteht, dass diese von einzelnen Akteueren in leitenden Positionen unhinterfragt und verantwortungslos genutzt wird.

Dagegen gilt es vorzugehen und hellhörig für eine allzu einfache Deutung der Welt zu bleiben. Dazu gehört aber auch, Komplexität aushalten zu können und nicht vorschnell zu urteilen. Nutzen wir unseren Glauben, unsere positive Kraft zu leben, um das Experiment der Menschheitsgeschichte - in unserem kulturellen Kontext das Experiment Gottes - weiter voranzutreiben und uns selbst als einmaligen Versuch, als Essay Gottes, zu begreifen. Nutzen wir die beiden Triebfedern sozialer Gemeinschaft: den positiven Egoismus, im Rahmen dessen jeder in seinen Möglichkeiten seinen Gestaltungswillen zeigen kann, um institutionalisierte Hegemonien aufzubrechen und zumindest kurzzeitig anders zu denken und den positiver Altruismus, die Fähigkeit, dem anderen wirklich zuzuhören und an seinen Ideen zu wachsen - denn gerade die widersprüchlichsten und kontroversesten Ideen sind es häufig, die uns weiter bringen.

Und fangen wir damit am besten noch im alten Jahr an.

Mittwoch, 28. November 2012

Generation Y

Weil mir zuletzt wieder verschiedentlich von Bewerbungsgesprächen im Bekanntenkreis (mit wechselndem Erfolg) berichtet wurde und ich mit einem alten Bekannten fünf Jahre nach unserem Berufseinstieg über Chefs und Mitarbeiter sinniert habe, wildere ich diesmal in für meine Verhältnisse recht betriebswirtschaftlichen Gefilden. Interessiert habe ich diese Woche beim Stöbern im Netz zur Kenntnis genommen, dass die Generation der nach 1980 geborenen Arbeitnehmer als Generation Y bei vielen Unternehmern für Verwirrung und Kopfzerbrechen sorge:

http://en.wikipedia.org/wiki/Generation_Y
http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/generation-y-audi-personalvorstand-thomas-sigi-im-interview-a-848764.html
http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/berufseinstieg-wie-firmen-die-manager-von-morgen-sehen-a-869420.html

Weil sie sich nichts aus Geld und Titeln machen, lassen sie sich weniger leicht ködern, haben Fremdsprachekenntnisse, können gar trefflich parlieren und haben kein Problem, vor vollem Haus das Wort zu ergreifen. Was den klassischen Unternehmensstrukturen mit 3-5 Etagen aus mittlerem Management gar nicht passt: sie haben kein Verständnis für Hierarchien und stellen private Belange mitunter über den beruflichen Erfolg; mitunter fehlen ihnen allerdings auch Kritikbereitschaft und Reflektionsvermögen.

Nachdem ich nun über die Jahre hinweg immerhin schon fast zwei Dutzend HiWis angeworben und begleitet habe (von denen ich mich vielen weit über die Arbeit hinaus freundschaftlich verbunden fühle), bin ich natürlich ins Grübeln gekommen, was für mich einen guten Mitarbeiter ausmacht bzw. worum ich mich selbst natürlich auch täglich bemühe. Ich habe es einmal auf eine tabellarische Darstellung gebracht, was mir in der heutigen Arbeitswelt wichtig scheint (auch wenn es natürlich stark auf den wissenschaftlichen Kontext fokussiert):

bzgl. Teamfähigkeit Neugier Auffassungsgabe Hartnäckigkeit
Teamfähigkeit soziale Kompetenz Kontaktfreudigkeit Emotionale Intelligenz Netzwerkpflege
Neugier
Eigenmotivation Problembewusstsein richtiges Fragen
Auffassungsgabe

Begabung systematisches Lernen
Hartnäckigkeit


Fleiß

Die Spaltentitel in der Diagonalmatrix stehen dabei für die Grundeigenschaften, die Zeilen für ihre wechselseitige Anwendbarkeit aufeinander.
  • Teamfähigkeit: wer Ellenbogen ausfährt oder die Gruppe aufhält, kann heute nicht mehr weiterkommen
  • Neugier: wer nicht in sich den Wunsch hat, auf Aufgaben und Menschen zuzugehen, kann wird von den immer kürzeren Entwicklungsspannen - gesellschaftlich wie technologisch - aussortiert.
  • Auffassungsgabe: Ja, ja, die hat noch nie geschadet...
  • Hartnäckigkeit: ... und auch die preußischen Tugenden sind mit dabei.
Wenn man es recht überlegt, sind es aber gerade die vormals weichen Eigenschaften Teamfähigkeit und Neugier, die an erster Stelle stehen - wer noch nichts weiß, kann es lernen, wer dazu länger braucht, kann beharrlich sein, aber wer sich im Stile eines "lonely genius" zurückzieht oder sich gar auf Erreichtem ausruht, hat ein Problem.

Greifen wir also zumindest noch die vier Felder der "alten" im Vergleich mit den "neuen" Tugenden heraus:
  • Emotionale Intelligenz (Auffassungsgabe x Teamfähigkeit): quasi die soziale Auffassungsgabe: wie schnell kann ich bei meinem Gegenüber den richtigen Ton anschlagen und auf ihn eingehen?
  • Netzwerkpflege (Hartnäckigkeit x Teamfähigkeit): die Fähigkeit, Kontakte auch von sich aus zu pflegen und auch mal längere Pausen nicht krumm zu nehmen - natürlich gepaart mit der Eigenschaft, sich nicht jeden zweiten zum Feind zu machen; wer aneckt, irritiert.
  • Problembewusstsein (Auffassungsgabe x Neugier): Ein Gespür und auch eine Faszination für die Probleme zu empfinden, die gerade viele beschäftigen, hilft, die Fähigkeiten richtig auf das Wesentliche zu fokussieren.
  • richtiges Fragen (Hartnäckigkeit x Neugier): Wer einen Trend setzen will, muss dieses Gespür auch nutzen können, um mittels der richtigen nächsten Frage immer einen Schritt voraus zu sein und zu antizipieren, wohin die Entwicklung wohl geht.
Wenn ich so darüber nachdenke: eigentlich steuert die gesellschaftlich-technologisch mittlerweile eng verzahnte Transformation immer mehr in Richtung Schwarm: So betrachtet ist Narzismus ein Auslaufmodell und Freude am Austausch mit anderen die Zukunft. Insofern hoffe ich, dass ich immer in der glücklichen Position bleibe, mir immer wieder ein solches neugierig-fleißig-respektvoll-egalitäres Team zusammenstellen zu dürfen...

Sonntag, 4. November 2012

Hurrikan Sandy trifft New York. Punkt?

Räume werden im Kopf gemacht, Grenzen existieren nicht von sich aus in der Realität (eine solche vorausgesetzt), sondern vor allem in unseren Überzeugungen, die gegenüber Veränderungen sehr resistent sein können - so viel hat die jüngere Forschung der Geographie gandenlos aufgedeckt. Erstaunlich ist im Machtspiel der Geopolitik aber auch die Ausprägung der Ignoranz, nämlich das Fehlen einer Vorstellung beim vorgeblichen Fehlen einer Relevanz. Ein geopolitisches Achselzucken gewissermaßen.

Sehr schön lässt sich das zur Zeit wieder am Hurrikan Sandy beobachten. Hurrikan Sandy trifft New York. Punkt. Und vielleicht noch ein paar andere Dörfer an der US-Ostküste. Sonst ist ja nichts passiert. Um es gleich deutlich zu sagen: Ein solcher Sturm mit so vielen Toten ist eine Tragödie und die Folgen eines gleich starken Naturereignisses wären in Deutschland kaum abzusehen und der Sturm erreichte im Augenblick seiner größten Wucht diese Region. Dass aber die internationale Presse, und dazu muss ich auch die deutsche Presse als Repräsentant eines nicht unmittelbar betroffenen Landes zählen, so auf die US-amerikanische Lage fokussieren, nachdem die Zerstörungen auf der vorherigen Zugbahn Sandys ebenfalls erschreckende Ausmaße erreicht haben, stimmt mit nachdenklich, wenn nicht instinktiv wütend, da ich eine Ungerechtigkeit wähne: "Was interessiert uns, ob in Haiti, das ohnehin kaum ordentliche Häuser hat, eine Wellblechhütte umfällt? Business as usual. Ja, die Leute dort haben Probleme, aber das hat ja nichts mit uns zu tun." Tue ich den Berichterstattern unrecht? Oder ist das doch ein soziokultureller Neglect, der da auf der Wahrnehmung liegt?

Eine vorsichtige Abschätzung, in Ermangelung eines geeigneten Korpus mittels Google:
  • Suchtreffer "US hurricane sandy" 3.320.000.000
  • Suchtreffer "new york hurricane sandy": 1.470.000.000
  • Suchtreffer "haiti hurricane sandy": 89.500.000
  • Suchtreffer "cuba hurricane sandy": 83.400.000
Allein New York bekommt damit eine Aufmerksamkeit, die bei Textlinks im Web (natürlich ohne Bewertung der Korrektheit der Treffer) die 16fache Aufmerksamkeit beträgt wie bei Haiti. Von der Bilderflut für den angehenden Katastrophentouristen mit Fotostrecken von abgesoffenen Taxis, der dunklen Skyline und Ähnlichem ohne nennenswerte Bilder aus Haiti ganz zu schweigen. Auf der Seite 1 der Google Bildersuche ist mir jedenfalls kein Motiv aus der Karibik aufgefallen. Wie lässt sich das erklären?

Ein paar Hypothesen:
  1. Die Zustände in Haiti sind völlig unklar. Es ist nur klar, dass es verheerend gewesen sein muss. Es gibt keine Reporter vor Ort.
  2. Sehr viele Journalisten sind dagegen immer in New York und berichten naturgemäß zunächst aus eigener Anschauung.
  3. Alle, die ein Smartphone besitzen, sind in der Lage, Bildmaterial zu erzeugen und damit das Netz zu fluten. Wer halb am Verhungern ist wie in Haiti, hat somit im doppelten Wortsinn kaum Sichtbarkeit.
  4. In New York ist es immer das als unverletzlich gedachte Symbol, die in so vielen Hollywood-Filmen gestählte Ikone der westlichen Welt, die tatsächlich (schon wieder!) verletzt wurde. Im Verhältnis zur Erwartungshaltung ist das Bild einer überschwemmten Wellblechhütte in Haiti mit hungernden Bewohnern im Erwartungsrahmen,während ein dunkle und überschwemmte Skyline in New York, der Stadt, die ja angeblich niemals schläft, der Stadt der Träume, die den Erfolgreichen zu dem Urteil verleitet, er könne es jetzt in der ganzen Welt schaffen (wie vermessen, Erfolg in einem sehr genau umrissenen soziokulturellen Kontext zu gerneralisieren) verschreckt und verstört.
Dieser Missstand in der Berichterstattung lässt sich nicht durch einzelne Stimmen beheben, und auch wenn von meinen Hypothesen (Vorurteilen?) einiges davon zutreffen sollte, Aufdecken alleine hilft nicht und solange ich diesen Blogeitrag schreibe, reift in mir die Erkenntnis, dass zumindest ich dann auch etwas tun sollte - immerhin hat das Rote Kreuz einen eindeutigen Spendenaufruf für Haiti formuliert - und nicht für New York.

Sonntag, 8. Juli 2012

„Wenn Religiosität ausstirbt, bleiben nur Geisteswissenschaften, um dem Menschen Orientierung zu geben.“


So oder so ähnlich war die These meiner Frau, die mich nachdenklich gemacht hat. Stirbt Religion wirklich aus? Können Geisteswissenschaften wirklich diese Lücke ausfüllen? Inwieweit das so ist, will ich mit dem heutigen Blog ein bisschen eingehender untersuchen (nicht, dass ich nicht schon ein paar Wochen darüber nachgegrübelt hätte). Ich bin mir sicher, dass sich auch genügend Argumente finden lassen, die dagegen sprechen. Ich bin lediglich neugierig, wie weit sich diese Argumentationslinie treiben lässt, wenn man die Prämisse, dass Religiosität ausstirbt zunächst als gegeben annimmt.
Ein paar Beispiele vorneweg: für mich ist die Militarisierung der Fußballstadien mit Pyrotechnik, Schlägereien und Spielunterbrechungen, die in der letzten Saison zu beobachten war, ein genauso beredtes Symptom dafür wie Komasaufen oder Psychopharmaka. Das Greifen nach dem scheinbar goldenen Ausweg aus dem alltäglichen Nichts und die anschließende Verzweiflung, wenn das die Probleme nicht löst (wie auch?) stehen für mich deutlich für die hilflose Suche nach Sinn in unserer ach so säkularen Gesellschaft. Wohl dem, der wie die Macher der Kampagne „Glücklich leben ohne Gott“ offensichtlich solide in humanistischem Gedankengut gegründet ist. Sollte das pikanterweise eine Form von Glaube sein?

Warum scheidet Naturwissenschaft aus, wenn es um Orientierung geht?

Weil Naturwissenschaft per se die maximale Entfremdung von unserer Alltagserfahrung darstellt und nur deshalb in der Lage ist, Wahrheiten zu entdecken, die uns sonst verborgen blieben. Eine auf dieser Weise entdeckte (konstruierte?) Wahrheit kann freilich immer nur einen Aspekt unseres Menschseins (nämlich den rational-logische) ansprechen.
Mein Lieblingsbeispiel ist immer die Schachnovelle – und ich glaube es gibt genug Programmierer und Softwareentwickler, die auf eine ähnlich manische Weise von der scheinbar mühelosen Beherrschbarkeit und Beherrschung aller Probleme durch ihr (mehr oder minder) konstruktiven Tuns gefesselt sind, dass sie sich des dadurch entstandenen Mangels in ihrem seelischen Gleichgewicht erst viel zu spät bewusst werden. Dies ist ein Standpunkt und keine empirische Studie – dennoch habe ich schon mehrmals diese oder ähnliche Erzähllinien gehört: gut bezahlter Softwareentwickler, 60-Stunden-Woche, mit 40 Sinnkrise, jetzt Gärtner oder im Kloster, scheut den Computer wie der Teufel das Weihwasser. Sicher, μηδὲν ἄγαν, aber gerade dieses Argument nach dem Herstellen eines Gleichgewichts verweist in seiner Bezogenheit auf ein Anderes auf eine Erklärungslücke rein naturwissenschaftlichen Vorgehens.
Apropos Erklärungslücke: Naturwissenschaft erklärt nichts. Die Aussage, dass ein bestimmter Vulkan mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in einem bestimmten Zeitintervall eine Eruption einer bestimmten Stärke haben wird (selbst wenn es sich exakt vorhersagen ließe) muss völlig unabhängig von jeglichem Handlungskontext gedacht werden, um wertungsfrei erforscht werden zu können. Erst wenn dort Menschen leben, erhält eine solche Aussage Relevanz für Entscheidungen, die zu treffen sind. Die Aussage „Dort leben Menschen, die das noch nicht wissen – wir müssen sie unbedingt über die Risiken aufklären!“, der sie die gottlos Glücklichen sicher ad hoc anschließen würden, ist nicht mehr Teil naturwissenschaftlichen Arbeitens.

Was ist das eigentlich, wenn wir nach Orientierung suchen?

Die Natur einer nicht endgültig beantwortbaren Frage scheint schwer, es gibt jedoch einige Grundzüge, die leicht sichtbar zu machen sind. Zunächst die Ortsmetapher: „Wo gehöre ich hin?“ Die Suche nach dem Platz im Leben repräsentiert die räumliche Strategie, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Wann habe ich ihn gefunden? „Ubi bene, ibi patria!“ Aha, also eigentlich die Suche nach einem Sozialraum. Dazu gesellt sich die performative Metapher „Was soll ich (in dieser Lage) tun?“ Antworten darauf füllen ganze Handbücher – von der Στοά bist hin zur Esotherik. Zugrunde liegt die Suche nach Routinen, die den eigenen Vollzug von Dasein strukturieren und zeitlich rhythmisieren und dadurch Leben einfacher machen. Das bestechende an Adam Smith's Entwurf eines Wertesystems, das nur auf einem spontanen, empathiegeleiteten Urteils beruht, ist allerdings, dass er durch sein Modell eine fast algorithmische Lösung für die soziale Konstruiertheit von Orientierung anbietet. Noch radikaler wäre es, davon auszugehen, dass jeder Kommunikationsakt Dasein verankert und Halt bietet. Ich nenne es gerne die Teppich-Metapher (nachdem ich mich ja zuletzt kritisch gegen „Soziale Netzwerke“ geäußert hatte): Kettfäden sind die familiären Bezüge, in die unser eigenes Sein eingebunden ist, Schussfäden alle Freundschaften, mit denen wir gemeinsam durch die Zeit reisen. Jede Verbindung zu einem anderen Menschen liefert in gewisser Weise Halt, sei es ein gutes Wort, eine gemeinsame Unternehmung oder auch nur ein Lächeln. Jeder Kommunikationsakt festigt ein unsichtbares Band zwischen zwei Menschen oder lockert es – das erstaunliche daran ist aber wohl doch, dass das Gewebe (oder von mir aus auch Netz) für die meisten Individuen immer tragfähig bleibt oder zumindest Optionen zum Festhalten bietet.

Kann Geisteswissenschaft das alles liefern?

Sicher nicht. Ein paar Aspekte bekommt man aber sicher zusammen. Sprachenwissenschaft kann uns helfen, schon einmal Gedachtes wieder nutzbar zu machen oder überhaupt unseren sprachlichen Erkenntnisrahmen auszuloten. Geographie und Geschichtswissenschaften können helfen zu verstehen, nach welch einfachen und doch gerade dadurch unserem gedanklichen Zugriff entzogenen Konstruktionsprinzipien wir uns räumliche und zeitliche Narrative gestalten, die wir für wahr halten und an denen wir uns orientieren. „Dort ist es halt so!“ vs. „Weil das damals war, ist es heute so!“
Wirklich Orientierung geben kann sicher die Philosophie, der ich ein Verstehen-Wollen von Mensch-Sein und sich dieser Suche emotional verbunden fühlen zuschreibe. Wohl dem, der am Ende seiner Überlegungen zu dem Schluss kommt: „Dies habe ich durch Philosophie gelernt, dass ich tue ohne befohlen zu werden, was andere nur aus Furcht vor dem Gesetz tun!“ Nicht umsonst ist christliche Mythologie voller Verweise auf die antike Philosophie und selbst in der Abgrenzung von ihr bestimmt. Fakt ist aber auch: In allen Gesellschaften war eine solche erleuchtende Selbsterkenntnis ein Narrativ der Eliten – von Platon über den Humanismus und Utilitarismus bis hin zum Kommunismus – und ist letztlich gescheitert, weil ein solches Maß an Selbstbeherrschung kaum einige wenige Menschen aufbringen können, um ohne Fehler stets nach solch hehren Maximen handeln zu können. Wie heißt es in der Στοά? Es ist egal, ob wir hundert oder einen Meter unter der Wasseroberfläche ertrinken. Orientierung beinhaltet also auch Handlungsvorlagen, Gesetze, die helfen, wenn ein erkennender Ratschluss gerade nicht greift.

Jenseits von Wissenschaft

Ich behaupte: auch Geisteswissenschaft ist nur ein Teil von Mensch-Sein. Wirklich helfen kann sie dem Menschen nur, wenn er sich gestaltend darauf einlässt: Literatur und Kunst können helfen, den Alltag nicht ganz so furchtbar ernst zu nehmen oder gerade im Gegenteil durch Eleos und Phobos zumindest kurzzeitig unseren gewohnten Trott aufzubrechen, ein gesundes Maß an Verrücktheit in unser Leben zu bringen, das uns hilft, das Gewohnte zu ertragen. Das setzt aber voraus, dass derjenige überhaupt lesen, ins Theater oder die Ausstellung gehen will. Die alltägliche Praxis, das große Spiel, die „Geschichten, die das Leben schreibt“, die scheinbar alltäglichen Gespräche im Teppich des Lebens bieten aber sicher auch für den kleinen Mann einen Bezugspunkt, mithilfe dessen er sich täglich neu hinterfragen und auf den er sein Handeln gründen kann.
Als Fazit bleibt mir nur der Versuch, Shakespeare mit der orientierungsgebenden Macht der Narrative zusammenzuführen: Was bleibt an Erkenntnis, wenn ein jeder von uns erfüllt vom Verlangen nach Orientierung zusammen mit anderen, die ihn halten und inspirieren, zu unbekannten Zielen unterwegs ist? „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab. Sein Leben lang spielt einer manche Rollen!“

Sonntag, 24. Juni 2012

Digitale soziale Netzwerke: Selbstvollzug von Dasein – Fahrlässiger Totschlag von Zeit?


Der Hintergrund

Es macht Freude, das Leben von Menschen zu verfolgen, die uns etwas bedeuten, „selbst wenn wir keinen anderen Vorteil daraus ziehen, als Zeuge davon zu sein“, wie Adam Smith, der große Moralphilosoph, den so viele zu Unrecht nur als Urvater der Wirtschaftswissenschaften kennen, so treffend anmerkte. Reziprok dazu macht es natürlich Freude, seine eigene Geschichte fortschreiben, nach außen sichtbar zu sein, einen Schau-raum im Wortsinn zu schaffen, der uns anderen mitteilt, der vorderseitige Raum des Alltags, wie ihn Giddens beschrieben hat.
Normalerweise schreiben sich solche Erfahrungen in die zeitgeographischen Korridore unseres Alltags ein, sind es die anderen, die positive Irritation von außen setzen, an der wir uns erfreuen. Welche Verschiebungen sozialer Welt ergeben sich aber durch den Einsatz von überall verfügbarer „Personal IT“, seien es Smartphones, Netbooks oder Tablets? Bewusst geht es hier wiederum nicht um die Bewertung der „kostenlosen“ Dienste, die wir in Daten und Privacy bezahlen, sondern um ihre soziologischen Folgen.

Die Lösungen im Vergleich

  • Wiki: Ein gemeinsamer Wissensbestand, möglichst aktuell, mit einer nachvollziehbaren Geschichte. Wissen ist sozial produziert und existiert erst infolge des Aushandlungsprozesses in der Kommunikationsituation. Ein Wiki steht und fällt also zum einen mit der Anzahl der an ihm Beteiligten, zum anderen verfestigt sich die verfügbare Information mit zunehmender Zeit. Ein Wiki ist eine geniale Erfindung mit einer (und das sage ich als Wissenschaftler) im Großen und Ganzen brutal guten Qualität.
  • Twitter: Viele, rasch folgende Kommunikationsprozesse. Nicht gerade Wissen, sondern ein reines Weiterplappern irgendeiner Beobachtung oder Bemerkung. Das Weitertragen einer Information mit einer je Retweet abnehmenden Bedeutung (entsprechend eines „marginal return“-Modells: „ja, ist ja gut, das habe ich jetzt schon fünf Mal gelesen…“)
  •  Facebook und Google Plus (so, wie ich es erlebe): Verlorene Freunde wiederfinden (die man aber vielleicht aus gutem Grund verloren hat). Noch banaler: Häufig nicht einmal mehr eine Information, die man als solche bezeichnen könnte. Ein Weiterplappern flacher Scherze, trivialer Alltagsinformationen, schlechter Party-Bilder oder Fotos von Kuriosa. Die degenerierte Variante des guten alten Poesiealbums und gleichzeitig genauso wenig eine zutreffende Repräsentation von Wirklichkeit.
  • Homepage: Statisch, seriös und repräsentativ. Irgendwas zwischen Visitenkarte und Lebenslauf, das uns so charakterisiert, wie wir selten wirklich oder zumindest wirklich selten sind.
  • Blog: Ein geronnener Gedanke. Etwas, das früher auf ein Stück Papier und dann zur Hälfte in eine Schublade und zur Hälfte im Papierkorb verschwunden wäre. Ein Essay, bestenfalls, ein Tagebuch sonst. Ich habe auch schon selbsttherapeutische Versuche zur Problembewältigung gesehen. Die Inversion des Smith‘schen Gedanken. Ich nehme nicht mehr Anteil, sondern hoffe darauf, dass irgendjemand doch bitte an mir Anteil nehmen möge.

Die Abhängigkeit

Die gute Nachricht: Kinder spielen wieder draußen. Das Smartphone piept ja, wenn bei Facebook was passiert ist. Sie können sich also wieder Ball spielen trauen, weil sie in der Zwischenzeit ja nicht ohne ihr Wissen digital gemobbt werden können. Frappierendstes Beispiel der Unfähigkeit zur Facebook-Nichtteilnahme ist der Post eines Schulkinds: “Mama, ich kann jetzt nicht, ich hab grad Physik!“.
Anstelle des Vergnügens, Zeuge davon zu sein, ist die Angst getreten, etwas zu verpassen. Eine Angst, abgekoppelt zu sein von Kommunikationsprozessen. In der Folge erfolgt ein beinahe zwanghaftes Abrufen des Facebookstatus bei jeder Gelegenheit, „ich will ja nur wissen, was los ist, nur schnell die Mails checken, nur noch kurz die neuesten Schlagzeilen, nur schnell…“
Es ist die Inversion des Giddenschen Gegenstücks zum Schaulaufen im vorderseitigen Raum, des rückseitigen Raums, des Raums der Privatheit, in dem wir einfach mal entspannt durchatmen können, wenn diese, zumeist räumlich abgegrenzte Oase der Ruhe in der manischen Anteilnahme an der Welt anderer verloren geht.
Was ich an mir selbst wahrnehme: je entspannter ich bin, desto weniger brauche ich Facebook. Nur im Stress, wenn man sich selbst nicht mehr beschäftigen kann, könnte wenigstens dort noch etwas Positives passieren. Ein faustischer Pakt! Es handelt sich um kein Werkzeug zum Glück, zur Dokumentation des eigenen Daseins, sondern einfach nur um einen Kommunikationsoverkill, einen fahrlässigen Totschlag von Zeit, der uns erst auffällt, wenn ein Vieles an Zeit dadurch vernichtet wurde.
Facebook ist für mich eine Art besseres Email-Konto geworden für Leute, denen ich meine Emailadresse nicht geben will. Ich kann es wieder gut aushalten, wenn mich Facebook alle drei Tage mahnt, ich könne etwas verpasst haben. Ich weiß, was ich stattdessen in der Zwischenzeit alles erleben konnte.