Dies wird ein nachdenklicher Blog. Ein Rundumschlag des Nicht-Wissens. Eine leise Ahnung vom vielleicht nicht wissen können, wie Aristoteles es bereits formulierte. Vielleicht ein Blog über den Irrtum vom gelingenden Leben. Im Sinne der Nicht-Repräsentationalisten: Future is not a place - it's just a becoming.
Alles fängt damit an, wie Adam Smith bemerkte, dass Menschen Anteil am Schicksal anderer Menschen nehmen - und sei es nur aus dem Vergnügen heraus, Zeuge davon zu sein. Es gibt eine ganze Menge von Zeugen: Zeitzeugen, Augenzeugen, Kronzeugen. Immer geht es darum, dabei gewesen zu sein, Teil eines situativen Rahmens, vielleicht aber auch außerhalb eines solchen Rahmens, quasi im Türspalt zugesehen zu haben. Nicht immer muss es um Leid und Verbrechen, um Umstürze und Wutbürger, um Peinlichkeit und Intimität gehen. Gelingendes Zeuge-Sein fängt bei den Empfindungen des Einzelnen an, beim Regen, der auf die Haut fällt, beim Licht der Abendsonne, beim Duft der Blumen, bei Summen der Insekten, beim Lachen und Singen. Erinnerungen sind immer dann stark, wenn sie synästhetisch gekoppelt sind und seien Teile dieser Erinnerung reine Imagination. Sie prägen, was wir hoffen und sehnen, auch wenn wir es faktisch nie erlebt haben oder nie erleben werden. Es ist die Vorstellung von Situationen, in denen Verschiedenes zusammenkommt: Stimmungen, Emotionen, Orte und Menschen, im rechten Moment in der rechten Konfiguration, der rechte Satz im rechten Ohr - dann gelingt Dasein.
Wir können es dem Zufall überlassen. Fatum. Dann ist es nur Glück, ob wir glücklich sind. Dann lassen wir uns treiben, in der Hoffnung, im Besonderen angetrieben zu werden, jederzeit bereit, alles liegen und stehen zu lassen, wenn es soweit ist. Dann reicht es uns, Lose bei Lotto zu kaufen, Fußball und Formel 1 zu schauen und den Nachbarn ihr vermeintliches Glück zu neiden. Gegebenenfalls gute Ratschläge zu geben wie der Mann mit den Glasknochen in Amelie oder Obi Wan als Geist, nicht einzugreifen, hypothetisch zu handeln und nur Vergnügen zu empfinden, Zeuge der Resultate Handlungen anderer zu sein. Es kann durchaus befriedigend sein, der allweise Schiedsrichter zu sein. Bis sich die Frage stellt: Hätte ich mitspielen sollen? Wäre es mir gelungen? Dann reicht es nicht, zu schauen. Am Ende steht das Handeln.
Die Freiheit des Handelns ist unmittelbar an Verantwortung gebunden. Seit Nachtzug nach Lissabon weiß ich auch wieder, dass ich das ursprünglich bei Tugendhat gelesen habe. Die Möglichkeit zum Handeln ist Freiheit und sie ist es nicht nur, weil wir immer auch die Option hätten, es nicht zu tun, was wir gerade wollen. Natürlich gibt es alternativloses Handeln. Ohne (maßvolles) Essen und Trinken funktioniert Leben nun mal nicht. Vielleicht ist es auch nur unsere gefühlte Freiheit, die viel größer ist als die tatsächliche. In jedem Fall ist soziales Handeln keine Funktion unseres kognitiven Zustands in seiner sensorischen Situiertheit. Wir können abwägen, überlegen und uns schließlich entscheiden. Alternativlos ist Handeln aber auch immer dann, wenn es automatisiert, routiniert ist. Wenn wir nicht mehr wachsam dafür sind, wie Welt eigentlich auch noch gedacht werden könnte. Verantwortungsvolle Freiheit bedeutet nämlich Denken in Alternativen.
Die vielleicht wichtigste Form der Alternative ist der Kontrast. Eine Negation ist leicht auf alles anzuwenden. Deswegen ist die Vierfeldertafel auch nicht nur in der Philosophie als Analyse-, sondern auch in der Betriebsführung als Entscheidungshilfe sehr beliebt. Beide Merkmale nein? Gut. Beide ja? Schlecht. Eines nein? Unklar. Wirkliche Alternativen bieten sich solche einfachen, handlungsleitenden Regeln nicht. Alternativen stellen das Unhinterfragte in Frage, schieben die alltägliche Praxis im Diskurs der anderen beiseite und legen den Finger in die Wunde. Auch wissenschaftliche Hypothesen werden erst dann spannend, wenn sie eine Alternative zum bereits Bekannten aufstellen. Warum wird eigentlich immer der Sonnenuntergang als romantisch empfunden? Semiotikern fiele schon so einiges ein, vom Symbol der Transzendenz, vom Symbol des "not over yet", vom Spiel von Licht und Schatten. Und sicher ist so mancher Sonnenuntergang magisch schön. Doch verpassen wir nicht etwas, wenn wir nur auf ihn fokussieren? Die Frage allein zeigt nur den Zweifel, nicht aber eine Hypothese auf. Noch fehlt der Kontrast, das out-standing im Wortsinn, das eine kreative Alternative ermöglicht. Erst ein Spielen mit den Konstituenten einer Frage macht die Sache interessant. Wäre vielleicht ein verregneter Abend romantisch? Kaum. Aber wieso eigentlich nicht einmal auch einen Sonnenaufgang romantisch finden. Also ganz früh aufstehen und den ersten Strahl der Sonne gemeinsam genießen. Das tun wenige.
Bedenkt man es genau, sind viele Handlungen auf eine solche Weise vorgeprägt und belegt. Ich möchte es vorerst binding nennen, wenn eine Handlungsweise durch ihre Bezogenheit auf eine bestimmte Situation dem Gegenüber, auf das die Handlung bezogen ist, in ihrer Vorstrukturiertheit und Überbestimmtheit Gewissheit über die Absicht des Handelnden gibt und eine Reaktion ermöglicht. "Wollen wir uns heute Abend den Sonnenuntergang ansehen?" Pragmatikfrei sprechen wohl nur Informatiker. Es hängt natürlich von Intonation, von der Situation ab, in der gesprochen wird. Ist es mit einem scheuen Seitenblick gesprochen? Sind dabei Blumen in der Hand? Nicht immer stehen Zusatzinformationen zur Verfügung. Bereits Kommunikation am Telefon zum Beispiel schneidet Kontext ab, macht Verständigung unbestimmt. Sagt dies ein junger Mensch zu einem anderen, besteht jedoch zu der Vermutung Anlass, dass mehr gemeint ist. Es gibt unzählige weitere Beispiele für binding: In den meisten zeitgeographischen Korridoren des Alltags lernt man keine neuen Menschen kennen; man hastet achtlos aneinander vorüber. Wen man kennt, kennt man zunächst in einer bestimmten Rolle, als Kollege, als Chef, als Mitschüler, als Nachbar. Es ist zumeist kein großer, aber ein im Bezug auf die Anzahl unserer Bekanntschaften seltener Schritt, allein schon diese Rolle aufzubrechen und ein wirkliches Kennenlernen anzuregen. Es sind klar bestimmte Situationen, die zumeist dafür legitim erachtet werden. Ein Café zu besuchen. Neutraler Boden mit Notausgang. Schon eine Einladung nach Hause oder zu einem Mittagessen sind oft viel zu viel. Das kommt erst im nächsten Schritt.
Nichts ist offensichtlich schwieriger, als eine Freundschaft zu beginnen. Kann man eine Freundschaft explizit beginnen? Kann man metapragmatisch ausdrücken: "Heute beginnen wir unsere Freundschaft!"? Sie entwickelt sich, wenngleich häufig unausgesprochen, durch gemeinsame Aktivitäten, durch bewusste wechselseitige Bezogenheit des Handelns. Sie vertieft sich durch Verständnis. Sie lebt von Toleranz. Sie ist zerbrechlich. Freundschaft ist irreversibel. Sie glückt oder sie scheitert. Sie ähnelt der Liebe. Im Vertraut-Sein, im Vertrauen, im Vermissen. Nichts verletzt so sehr wie enttäuschte Freundschaft. Jeder zusätzliche Aspekt, der zwei Menschen in Freundschaft verbindet,
kann bei seinem Scheitern alle anderen Aspekte mit der Unweigerlichkeit
eines Damoklesschwerts in den Abgrund reißen. Wenn aber ein Freund sagt: "Einen jeden von Euch habe ich in diesen Tagen, die wir zusammen waren, aufrichtig lieben gelernt!", wenn eine Schwägerin sagt: "Ich liebe und schätze Dich sehr!", dann ist es nicht die überstrapazierte Geschlechtlichkeit, es ist das offene Herz eines Menschen, das spricht, dann Verwischen die Grenzen zwischen Familie, Freundschaft und Liebe, dann entstehen für einen Moment echte Alternativen.
Nichts ist leichter und schwieriger als zu lieben. Und ist es nicht fast lachhaft paradox, dass aus Angst vor Bindung häufig ein binding bevorzugt wird, also wie dargestellt eine vereinfachende Strukturierung der Welt, in der alle Handlungen eine klare Semantik tragen, durchsichtig sind und somit letztlich leicht ablehnbar? Dass also zusätzlich zur Schwierigkeit des Liebens die Barriere eines Sprechens über die komplizierten Spielarten von Liebe aufgebaut wird? Alleine „Ich mag dich!“ ist oft übersexualisiert, verwirrt und weckt Befürchtungen. Bei Freundschaft im Überschwang von Liebe zu sprechen, wäre heute vielerorts sozialer Selbstmord. Abseits vom alkohollegitimierenden Dunstkreis der Parties (meist phantasielos: Grillen im Sommer, Glühwein im Winter), der im Alltagsdiskurs zu weit gehende Äußerungen durch den Konsum von Bier entschuldbar macht ("Ich liebe Dich!" - "Ja, passt scho!"), ist es ein scheues umeinander Schleichen, bestenfalls der Versuch, den Kontext des gegenseitigen Kennens behutsam zu erweitern, Vertrauen zu erwerben und mit der richtigen Mischung aus Berechenbarkeit und Inspiration weiter aufzubauen. Liebe in ihrer Form als bedingungslose und aufrichtige Freundschaft, steht damit ganz oben auf der Verlustliste zeitgeschichtlicher Alltagsdiskurse. Bestenfalls alte Menschen und Kinder dürfen lieben. Alle andere stehen rasch im Verdacht ihrer Geschlechtlichkeit. Was für ein Unsinn: "Ich bin Bi, damit ich mehr Auswahl habe". Ich habe, glaube ich, in vorigen Blogeinträgen klar gemacht, dass ich kein Geschlechts-Nazi bin. Was mich stört, ist das "damit"! Wo ist die Menschlichkeit geblieben? Wo ist die Freude daran geblieben, Zeitzeuge eines wundervollen Menschen sein zu dürfen ohne ihn auf die Möglichkeit eines gemeinsamen Geschlechtsaktes zu reduzieren?
Es scheint Sitte zu werden, dass meine gesellschaftskritischen Blogs mit einem Aufruf zur Toleranz, nach vorbehaltloser Zuwendung und dem Willen, Unverständnis abzutragen, enden. Heute möchte ich den Aufruf nach Alternativen hinzufügen. Brecht die Strukturen auf, denkt Welt anders. Verstoßt gegen die Engstirnigkeit des Diskurses, zeigt, dass die Welt menschlichen Handelns bunt und nicht regelbasiert beschreibbar ist. Seid verantwortungs- und respektvoll und habt den Mut zu irritieren. Den nur Irritation, das out-standing als Kontrast zum grauen Einheitshintergrund erwartbaren Verhaltens, kann anderen die Inspiration und den Lebensmut schenken, die für ein gelingendes Leben essentiell sind.
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Freitag, 14. Juni 2013
Dienstag, 10. April 2012
Anstelle einer Predigt: Glaube eines Wissenschaftlers
Der Tod eines Menschen, der einem sehr nahe gestanden hat, sei es als Vorbild oder als Unterstützer oder beides, bringt immer viel Nachdenken mit sich; Nachdenken auch über das eigene Leben und die Frage nach dem Sinn des Sich-Mühens. Es ist beruhigend, zu wissen, dass es anderen Menschen auch so geht und vielleicht kann ich, da ich mich nach dem Tod meiner Oma nun in einer solchen Situation befinde, das ein oder andere Wort finden, mich selbst und andere zu trösten, zumal ich ja erst unlängst die Antworten auf die Frage, was Menschen am Lebensende am meisten bereuen, philisophisch kommentiert habe. (http://xdjkx.blogspot.de/2012/02/sein-oder-nicht-sein.html)
Betrachten wir Leben synchron, als ein Sein-Zum-Ende im Sinne Heideggers, bei dem Leben eine stete Folge eines Setzen von "noch nicht vorbei"-Zeitpunkten ist, zeichnet sich dieses Ins-Nicht-Sein Gehalten-Sein doch vor allem durch zwei Dinge aus, die sich mir aufdrängen. Das eine Extrem ist wohl das, was Giddens "structure provides binding" nennt; die Tatsache, dass nur Routinen im Alltag uns die Sicherheit und das Vertrauen zu geben vermögen, uns überhaupt ans Leben zu wagen: angefangen von so simplen biologischen Rhythmen wie Herzschlag und Atmung (nicht umsonst gibt es ganze Wellness-Programme dazu) über aktionsräumliche Routinen besonderer Orte (wo wohne ich? wo arbeite ich? wo kann ich entspannen?) bis hin zum Immer-Wieder-Anknüpfen an die Kommunikation mit unseren sozialen Bezugspersonen in Familie, Freunden und Bekannten.
Das zweite Extrem ist sicher die Irritation. Damit meine ich zunächst neutral einen Einfluss von außen, der in der Lage ist, unsere alltäglichen Rhythmen, quasi den Herzschlag unseres Daseins, zu beeinflussen und zu verändern. Irritationen sind dabei ambivalent. Es gibt positive Irritationen auf allen Ebenen: Sport belebt den Kreislauf, ein neues Theater oder ein neues Restaurant auszuprobieren schafft ein neues Ambiente, ein Urlaub neue Eindrücke und neue Bekanntschaften bereichern die soziale Lebenswelt. Natürlich geht das auch umgekehrt. Der Alltagsstress im Job schafft Bluthochdruck, das Benehmen in einem fremden Land kann unbewusst verstören und die Erwartungshaltung unseres Umfelds uns einengen.
Beide Daseinskonzepte können Angst machen - die Angst vor Stillstand treibt uns an, die Angst vor Veränderung hält uns zurück.
Diachron betrachtet, was ein lineares Zeitkonzept impliziert, unterliegen wir in unterschiedlichen Lebensphasen völlig unterschiedlichen Anforderungen. Als Kinder müssen wir zunächst in der Welt ankommen, was Kindern im wahrsten Sinn des Wortes so spielerisch gelingt, dass man bereits als junger Erwachsener nur staunen kann, wie leicht dies fällt. Das überbordende Leben eines Kindes kennt keinen Zweifel und kein Ziel außer dem ungebremsten Wachstum. Als Jungendlicher wird das Dasein völlig neu ausgerichtet. Die hohe Plastizität der kindlichen Anpassung weicht Denkmustern, die sich Stück für Stück aus dem sozialen Kontext schälen, in den ein junger Mensch eingebettet ist. Physiologisch werden nun alle ungenutzten neuronalen Verbindungen gelöscht, um dem Erwachsenen ein entschiedenes Handeln zu ermöglichen. Es ist die Zeit großer Verwirrungen und (scheinbarer?) Epiphanien, in denen uns Wissen über das tatsächliche Wesen der Natur zuzufallen scheint, dabei fällt uns nur die Struktur zu, die wir fortan auf die Welt legen. Einmal abgeschlossen wird der Mensch zum Kulturträger, der für einige Jahrzehnte genau angepasst an seine Lebenswelt denken und entscheiden kann und dieses Wissen an Nachwuchs weitergeben kann - an den eigenen oder denjenigen, für den man als Lehrender oder Vorbild Verantwortung übernommen hat.
Dass der Tod in so einer Welt sinnvoll ist, liegt auf der Hand. Ausgenommen der Jugend, die in ihrer Verwirrung noch neues Leben (er-)proben muss, würde es diesen nicht geben, hätte es sich nicht als sinnvoll für die Menschheit an sich erwiesen, das Wissen und Können rasch an eine neue Generation weiterzugeben, die es für einige Jahrzehnte lernen, hüten, weiterentwickeln und schließlich abgeben müssen. Es liegt auch auf der Hand, dass es sich nicht schön anfühlt, durch die Geburt ins Dasein gerissen zu sein, mit unheimlicher Macht ins Leben zu drängen, heimisch zu werden und die oben beschriebenen Routinen aufzubauen (die basalste ist sicherlich die der eigenen Identität, das Gefühl das Beharren eines "Ichs") und schließlich nur weitergeben und zum Abschied kurz winken zu können.
Selbst, wenn wir das akzeptieren können, stellt sich die Frage danach, warum wir Kulturträger sein sollen, warum wir eine Erde weiter pflegen, bewahren und weiterentwickeln, die vielleicht schon in 50 Jahren von einem Kometen zerstört wird. Wir können es nicht wissen und selbst der rationalste Mensch MUSS etwas glauben - und ich meine damit keinen auferlegten Zwang, sondern eine ureigenste Routine, die wir tief in uns finden können. Wir glauben einfach, dass es sich lohnt, am Abend vor dem Weltuntergang (und wenn es nur unser eigener ist) noch einen Apfelbaum zu pflanzen!
Wenn wir schon als Wissenschaftler unsere Daseinsbedingungen dekonstruieren, können wir dort viel Tröstliches finden: (1) dass Zeit vielleicht nicht wirklich linear ist. Tatsächlich haben wir ja Sein in jedem Augenblick und genau "jetzt" werfen wir ja immer auch ein Netzwerk an Gefühlen, Gedanken und Worten auf die Welt aus, die wir uns vertraut gemacht haben. Mit Augustinus: Wir sind, wir wissen, dass wir sind und wir lieben unser Wissen und unser Sein. Das kann uns niemand nehmen und nur unter Änderung dieser kleinen Prämisse, dass Zeit eigentlich völlig bedeutungslos ist, ändert sich alles. (2) dass die Routine des "Ich" vielleicht auch nur eine Illusion ist. Wir werden es verstehen, wenn es so weit ist. Alle Menschen, die von Nahtoderfahrungen berichten, haben keine Angst mehr vor dem Tod. Er ist für sie so natürlich geworden wie das Geborenwerden, das Gebären. Sie berichten übereinstimmend vom unglaublich überwältigenden Empfinden der Bedeutung der Liebe. Es geht dabei nicht mehr um eine konkrete, gerichtete, weltliche Liebe, sondern die alles tröstende Liebe. Menschliches Leben ist so unglaublich, dass man sogar das Sterben lernen kann, wenn es so weit ist.
Der Titel dieses Eintrags wäre nicht gerechtfertigt, wenn neben tröstlichen Überlegungen nicht auch eine Handlungsempfehlung gegeben würde: Stärker als der Tod ist die Liebe! Selbst wenn unsere Welt als solche und wir als Einzelne im Besonderen verletzlich sind, selbst wenn die Liebe in der Welt ein unglaubliches Experiment Gottes mit offenem Ausgang ist - unsere Gefühle verraten uns zu jedem Zeitpunkt genau, was zu tun ist: Routinen, die Vertrauen schaffen, und im richtigen Moment ein Schuss liebende Verrücktheit. Wenn wir es schaffen, diese Balance zu finden, dann kümmert uns weder die Angst, in Routinen gefangen zu sein, noch die Angst vor allzu großer Veränderung, die wir sicher beide kennen, dann kümmert uns auch nicht die Angst vor der ultimativen Veränderung. Wenn wir alle Menschen, die uns mögen, an unserer Seite wissen, weil wir immer wieder neu an sie anknüpfen im fröhlichen, ernst nehmenden, manchmal auch sorgenvollen Gespräch und in jedem Moment hoffnungsvoll den Aufbruch in eine neue Zeit wagen, dann kann sich unsere Welt wirklich verändern, dann kann Gottes großes Experiment wirklich gelingen - und wer weiß: Vielleicht ist die Welt wirklich so unglaublich, dass wir nach dem Tod sogar neues, zeitloses Leben an einer U-Topie, einem Nicht-Ort völlig neuer Erfahrung kennenlernen können, in dem unser Sein nicht verloren ist, sondern für immer im großen Orchester Gottes seine Stimme gefunden hat.
Es steuert das Schiff des Lebens
und unter uns rauscht die See
wohlbekannt in grundlosen Tiefen
es halten uns die Planken der Liebe
all derer, die mit uns auf dem Weg sind
Es steuert das Schiff des Lebens
wir wissen nicht wohin
und uns überkommt die Lust zu tanzen
auf der Bordwand des Lebens
in Lachen und Glück vereint
in der Gemeinschaft derjeinigen
denen Leben heilig ist
Es steuert das Schiff des Lebens
und wir schlafen trunken von Glück
ob wir tanzen, ob wir fallen
in ewig tröstende lichtlose Tiefen
wir bereuen es nie, geliebt zu haben
Betrachten wir Leben synchron, als ein Sein-Zum-Ende im Sinne Heideggers, bei dem Leben eine stete Folge eines Setzen von "noch nicht vorbei"-Zeitpunkten ist, zeichnet sich dieses Ins-Nicht-Sein Gehalten-Sein doch vor allem durch zwei Dinge aus, die sich mir aufdrängen. Das eine Extrem ist wohl das, was Giddens "structure provides binding" nennt; die Tatsache, dass nur Routinen im Alltag uns die Sicherheit und das Vertrauen zu geben vermögen, uns überhaupt ans Leben zu wagen: angefangen von so simplen biologischen Rhythmen wie Herzschlag und Atmung (nicht umsonst gibt es ganze Wellness-Programme dazu) über aktionsräumliche Routinen besonderer Orte (wo wohne ich? wo arbeite ich? wo kann ich entspannen?) bis hin zum Immer-Wieder-Anknüpfen an die Kommunikation mit unseren sozialen Bezugspersonen in Familie, Freunden und Bekannten.
Das zweite Extrem ist sicher die Irritation. Damit meine ich zunächst neutral einen Einfluss von außen, der in der Lage ist, unsere alltäglichen Rhythmen, quasi den Herzschlag unseres Daseins, zu beeinflussen und zu verändern. Irritationen sind dabei ambivalent. Es gibt positive Irritationen auf allen Ebenen: Sport belebt den Kreislauf, ein neues Theater oder ein neues Restaurant auszuprobieren schafft ein neues Ambiente, ein Urlaub neue Eindrücke und neue Bekanntschaften bereichern die soziale Lebenswelt. Natürlich geht das auch umgekehrt. Der Alltagsstress im Job schafft Bluthochdruck, das Benehmen in einem fremden Land kann unbewusst verstören und die Erwartungshaltung unseres Umfelds uns einengen.
Beide Daseinskonzepte können Angst machen - die Angst vor Stillstand treibt uns an, die Angst vor Veränderung hält uns zurück.
Diachron betrachtet, was ein lineares Zeitkonzept impliziert, unterliegen wir in unterschiedlichen Lebensphasen völlig unterschiedlichen Anforderungen. Als Kinder müssen wir zunächst in der Welt ankommen, was Kindern im wahrsten Sinn des Wortes so spielerisch gelingt, dass man bereits als junger Erwachsener nur staunen kann, wie leicht dies fällt. Das überbordende Leben eines Kindes kennt keinen Zweifel und kein Ziel außer dem ungebremsten Wachstum. Als Jungendlicher wird das Dasein völlig neu ausgerichtet. Die hohe Plastizität der kindlichen Anpassung weicht Denkmustern, die sich Stück für Stück aus dem sozialen Kontext schälen, in den ein junger Mensch eingebettet ist. Physiologisch werden nun alle ungenutzten neuronalen Verbindungen gelöscht, um dem Erwachsenen ein entschiedenes Handeln zu ermöglichen. Es ist die Zeit großer Verwirrungen und (scheinbarer?) Epiphanien, in denen uns Wissen über das tatsächliche Wesen der Natur zuzufallen scheint, dabei fällt uns nur die Struktur zu, die wir fortan auf die Welt legen. Einmal abgeschlossen wird der Mensch zum Kulturträger, der für einige Jahrzehnte genau angepasst an seine Lebenswelt denken und entscheiden kann und dieses Wissen an Nachwuchs weitergeben kann - an den eigenen oder denjenigen, für den man als Lehrender oder Vorbild Verantwortung übernommen hat.
Dass der Tod in so einer Welt sinnvoll ist, liegt auf der Hand. Ausgenommen der Jugend, die in ihrer Verwirrung noch neues Leben (er-)proben muss, würde es diesen nicht geben, hätte es sich nicht als sinnvoll für die Menschheit an sich erwiesen, das Wissen und Können rasch an eine neue Generation weiterzugeben, die es für einige Jahrzehnte lernen, hüten, weiterentwickeln und schließlich abgeben müssen. Es liegt auch auf der Hand, dass es sich nicht schön anfühlt, durch die Geburt ins Dasein gerissen zu sein, mit unheimlicher Macht ins Leben zu drängen, heimisch zu werden und die oben beschriebenen Routinen aufzubauen (die basalste ist sicherlich die der eigenen Identität, das Gefühl das Beharren eines "Ichs") und schließlich nur weitergeben und zum Abschied kurz winken zu können.
Selbst, wenn wir das akzeptieren können, stellt sich die Frage danach, warum wir Kulturträger sein sollen, warum wir eine Erde weiter pflegen, bewahren und weiterentwickeln, die vielleicht schon in 50 Jahren von einem Kometen zerstört wird. Wir können es nicht wissen und selbst der rationalste Mensch MUSS etwas glauben - und ich meine damit keinen auferlegten Zwang, sondern eine ureigenste Routine, die wir tief in uns finden können. Wir glauben einfach, dass es sich lohnt, am Abend vor dem Weltuntergang (und wenn es nur unser eigener ist) noch einen Apfelbaum zu pflanzen!
Wenn wir schon als Wissenschaftler unsere Daseinsbedingungen dekonstruieren, können wir dort viel Tröstliches finden: (1) dass Zeit vielleicht nicht wirklich linear ist. Tatsächlich haben wir ja Sein in jedem Augenblick und genau "jetzt" werfen wir ja immer auch ein Netzwerk an Gefühlen, Gedanken und Worten auf die Welt aus, die wir uns vertraut gemacht haben. Mit Augustinus: Wir sind, wir wissen, dass wir sind und wir lieben unser Wissen und unser Sein. Das kann uns niemand nehmen und nur unter Änderung dieser kleinen Prämisse, dass Zeit eigentlich völlig bedeutungslos ist, ändert sich alles. (2) dass die Routine des "Ich" vielleicht auch nur eine Illusion ist. Wir werden es verstehen, wenn es so weit ist. Alle Menschen, die von Nahtoderfahrungen berichten, haben keine Angst mehr vor dem Tod. Er ist für sie so natürlich geworden wie das Geborenwerden, das Gebären. Sie berichten übereinstimmend vom unglaublich überwältigenden Empfinden der Bedeutung der Liebe. Es geht dabei nicht mehr um eine konkrete, gerichtete, weltliche Liebe, sondern die alles tröstende Liebe. Menschliches Leben ist so unglaublich, dass man sogar das Sterben lernen kann, wenn es so weit ist.
Der Titel dieses Eintrags wäre nicht gerechtfertigt, wenn neben tröstlichen Überlegungen nicht auch eine Handlungsempfehlung gegeben würde: Stärker als der Tod ist die Liebe! Selbst wenn unsere Welt als solche und wir als Einzelne im Besonderen verletzlich sind, selbst wenn die Liebe in der Welt ein unglaubliches Experiment Gottes mit offenem Ausgang ist - unsere Gefühle verraten uns zu jedem Zeitpunkt genau, was zu tun ist: Routinen, die Vertrauen schaffen, und im richtigen Moment ein Schuss liebende Verrücktheit. Wenn wir es schaffen, diese Balance zu finden, dann kümmert uns weder die Angst, in Routinen gefangen zu sein, noch die Angst vor allzu großer Veränderung, die wir sicher beide kennen, dann kümmert uns auch nicht die Angst vor der ultimativen Veränderung. Wenn wir alle Menschen, die uns mögen, an unserer Seite wissen, weil wir immer wieder neu an sie anknüpfen im fröhlichen, ernst nehmenden, manchmal auch sorgenvollen Gespräch und in jedem Moment hoffnungsvoll den Aufbruch in eine neue Zeit wagen, dann kann sich unsere Welt wirklich verändern, dann kann Gottes großes Experiment wirklich gelingen - und wer weiß: Vielleicht ist die Welt wirklich so unglaublich, dass wir nach dem Tod sogar neues, zeitloses Leben an einer U-Topie, einem Nicht-Ort völlig neuer Erfahrung kennenlernen können, in dem unser Sein nicht verloren ist, sondern für immer im großen Orchester Gottes seine Stimme gefunden hat.
Es steuert das Schiff des Lebens
und unter uns rauscht die See
wohlbekannt in grundlosen Tiefen
es halten uns die Planken der Liebe
all derer, die mit uns auf dem Weg sind
Es steuert das Schiff des Lebens
wir wissen nicht wohin
und uns überkommt die Lust zu tanzen
auf der Bordwand des Lebens
in Lachen und Glück vereint
in der Gemeinschaft derjeinigen
denen Leben heilig ist
Es steuert das Schiff des Lebens
und wir schlafen trunken von Glück
ob wir tanzen, ob wir fallen
in ewig tröstende lichtlose Tiefen
wir bereuen es nie, geliebt zu haben
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