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Montag, 7. April 2014

Die Idee eines nachhaltigen Hedonimsus

Ich mag Vierfeldertafeln. Sie sind so schön einfach und schaffen doch gleich begriffliche Komplexität, wenn es darum geht, zwei unterschiedliche Ordnungsskalen gleichzeitig auf ein Problem anzuwenden. Um mein aktuelles Phänomen darzulegen, auf dem ich aktuell herumkaue, muss ich etwas ausholen. So ist es bekannt, dass im menschlichen Gehirn unmittelbar Emotionen auslösen. Parallel dazu werden Sinnesreize neben der räumlichen auch durch die temporale Pipeline gejagt und dadurch etwas erhalten, was man zunächst noch Rhythmus (Frequenzanalyse) und Struktur (räumliche Konfiguration) nennen kann. Erst danach wird schrittweise Weltwissen und dadurch Bedeutung darum gelegt. Ganz am Ende steht das Broca-Areal, das als Tie Breaker bei unklarem Input fungiert. Das ist natürlich alles Halbwissen, das mir in dieser Form von einem Vortrag über Psycholinguistik in Erinnerung geblieben ist, ich will aber auf etwas anderes hinaus, und dazu brauche ich die Vierfeldertafel.

Strukturell kann man also im menschlichen Geist (unter Ignoranz der Differenz mind/Seele der kontinentaleuropäischen bzw. angelsächsischen Philosophie) im Gehirn verorten wollen, haben wir also Fühlen und Denken als wesentliche Zugänge zur Wirklichkeit. Dazu hätte uns die antike Philosophie gereicht, aber ich finde es faszinierend zu wissen, wie es funktioniert. Denken und Fühlen sind also meine zwei Achsen, die mein Koordinatensystem abstecken. Als Extremwerte will ich an jeder Seite ein zu früh und zu spät antragen; es ergeben sich also Situationen (oder evtl. Charaktere), in denen das Gefühl vorauseilt und der Gedanke nachhängt, der Gedanke vorauseilt und das Gefühl nachhängt oder beide für die Situation zu früh oder zu spät kommen. In der Mitte gibt es etwas, das man den Flow nennen könnte, das Gefühl, dass sich alles im richtigen Moment ereignet, die Umwelt sich wie geplant oder erhofft verhält und eigene Handlungen genau so einwirken, wie es der eigenen – kognitiven wie körperlichen Rhythmik – entspricht. Künstler haben das in ihrem Schaffensprozess, manche empfinden so etwas beim Tanzen oder beim Sport, mitunter lässt sich das sogar beim Programmieren oder auf der Arbeit erleben, wenn man gut Fortschritte macht. Fast immer ist es sehr euphorisiernd, aber fast nicht vorherzusehen und schon gar nicht durch angestrengtes Bemühen zu erreichen. Es erfodert die Fähigkeit loszulassen, oder zumindest einzutauchen, sich total auf etwas einzulassen. Das eigene Ich ist eigentlich eine Differenz zum Flow. Was aber, wenn Denken und Fühlen aus dem Rhythmus kommen? Was fehlt uns dann eigentlich?

Wenn Fühlen und Denken der Situation vorauseilen, muss auf die Welt gewartet werden. Wir empfinden Unruhe darüber, dass sich die Früchte unserer Handlungen evtl. nicht unmittelbar einstellen wollen, dass uns etwas oder jemand aufhält. „Du stiehlst mir meine Zeit!“ oder „Zeitverschwendung“ sagen wir und werden uns bei nächster Gelegenheit Situationen zuwenden, die schneller ablaufen. Wenn Fühlen und Denken beide hinterherhängen können wir der Situation nicht schnell genug folgen. In Stresssituationen können wir gar keine Entscheidung mehr treffen, wir blockieren uns selbst und andere. In ruhigen Situationen stellt sich das Gefühl, dass es ein Flow hätte sein können erst ein, wenn die Situation verbraucht ist. Wir können es nur noch nachstellen und daraus Freude ziehen. Wenn das Fühlen vorauseilt und das Denken hinterherhängt treffen wir teils unliebsame Entscheidungen für uns und andere. Handlung im Affekt sagen wir, wenn wir im Eifer des Gefechts Dinge sagen oder ins Rollen bringen, die wir allzu gerne aufhalten würden, aber nicht mehr können. Eilt das Denken voraus und die Emotion warnt uns nicht, haben wir häufig soziale Folgen unseres Tuns oder Denkens übersehen. Selbst wenn sie inhaltlich korrekt sind, können sie andere verletzen, vor den Kopf stoßen, unmoralisch oder asozial sein.

Was nun, wenn wir statt Situationen Charaktere annehmen? Typ I ist der hyperaktive, der sich durch seine Umwelt immer gebremst fühlt und bei langatmigen Tätigkeiten schnell die Lust verliert. Typ II ist der tragische, der sich über alles klar wird, wenn die Situation vorüber ist. Typ III würden wir klassisch als emotional bezeichnen, Typ IV als kühl-rational. Ihnen allen ist ihr gemeinsam, dass ihre Rhythmus und innere Struktur teilweise an ihrer Umwelt vorbeigehen, nur bei den letzten beiden kann es aber zu der Situation kommen, dass sie ihr teilweise emotionales bzw. vernüftiges Übereinstimmen mit der Siutation als partiellen Flow begreifen und die jeweils andere Dimension völlig ignorieren. Fehlt ihnen also die Selbstreflexion, so dass sie ihren Habitus als Maß der Dinge, quasi als Ersatzflow und alles andere als defizitär begreifen, werden sie gefährlich. Denn was nützt mir jemand, der handelt ohne an die langfristigen Konsquenzen zu denken, seien es Gedankenlosigkeit wie fehlendes Empfindungsvermögen?


Ich will nicht ohne ein Empfehlung, eine Maxime schließen. Mit einem Kollegen habe ich vor ein paar Monaten bei Glühwein die Idee eines nachhaltigen Hedonismus entwickelt: einer Genusssucht, die das Leben liebt, aber nie so dumm wäre, durch unbedachte Folgen sich selbst die Grundlage zu entziehen. An diesem Gedanken halte ich fest, solange ich mich weiter bemühe, recht zu denken und zu fühlen.

Sonntag, 17. November 2013

Kreative Gäste Teil II

So, das Notizboard im Gang muss mal wieder gewischt werden - auch diesmal werden hiermit die besten Zeichnungen prämiert:



Zudem zwei ehemalige Gastgeschenke, die sich bei uns prächtig entwickelt haben:






Samstag, 27. April 2013

Kreatives Gästebuch

Nachdem sich die Notiztafel in unserem Eingang zu einer Art Gästebuch für zufriedene Besucher entwickelt hat möchte ich hier ein paar der gelungenen Kleinkunstwerke präsentieren, bevor sie Wasser und Küchentuch anheimfallen und wir den Platz wieder für langweilige Aufgabenplanung und Besorgungsmarker verwenden ;)





Dienstag, 18. September 2012

Reisen im August

Nach einem am Ende eher hektischen Sommersemester lohnt sich wieder eine kurze episodische Rückschau auf die Reisen des Sommers:

- Nach Untereuerheim: Zum Staunen über den liebevoll gepflegten High-Tech-Garten und zum DSA-Spielen im Hause Helbig. Da kommen wir immer gerne!

- Nach Wermerichshausen: Zum Kleinen Jonathan (und seinen Eltern und Großeltern), der gar nicht mehr sooo klein ist und einer Rückkehr zur tollsten Hängematte Unterfrankens.

- Dauerhaft in die ERBA: Zu einem etwas moderneren, wenngleich dunkleren neuen Büro.

- Nach Köln: Zum Internationalen Geographentag. Durchwachsenes Niveau der Sessions, ein buntes Völkchen und eine freundliche, aber echt funktional-hässliche Stadt. Wer baut schon eine vierspurige Straße neben einen Dom? Und: Kölsch ist kein Bier. Ich habe ihm jetzt oft genug eine Chance gegeben, um das nun abschließend beurteilen zu können.

- Nach Seeon (innerhalb von 12 Stunden aus  Köln inkl. Aufenthalt in Bischberg nebst Vortragüberarbeitung): Ein kleiner, aber feiner internationaler Workshop zu Place Reserach, auf dem ein paar Große der Zunft ganz nah erlebt werden konnten und ein Spaziergang mit Peter um den verregneten See am Kloster.

- Nach Berlin zu Dagmar: Nur zum Besuch des Zoos waren wir im "Westen". Die alte Stalinallee (jetzt: Karl-Marx-Allee), der Alex und der Hackesche Markt waren dazu einfach zu schön. Und Potsdam liegt nicht wirklich in Westberlin. Unglaublich bunt und vielfältig: da fällt Köln einfach merklich ab.

- Wieder mal nach Graisbach zu Melanie und Jochen: Hanfparty. Natürlich nur Thermo-Hanf zum Isolieren des Dachs im Neubau. Ein gelungenes DJK-Feature, glaube ich!

Donnerstag, 7. Juni 2012

Geschichten vom Wachstum (und vom Wegschauen)


Die These vom angemessenen, stetigen Wachstum aus ökonomischer Sicht soll heute gar nicht Kern der Betrachtung oder besser der Kritik in ihrer Reinform als differenzierendem Denken sein, sondern vielmehr das Nachdenken über das Wachstum a sich, das uns scheinbar unaufhörlich überall umgibt. Zum ökonomischen Aspekt nur so viel vorweg: wenn ein System als in seinen Ressourcen beschränkt gedacht wird, wenn also sowohl durch materielle Grundlagen und effizientere Organisation des Umgehens damit lediglich ein neuer Aspekt zur Dominanz gebracht werden kann und andere Aspekte dafür weichen müssen, kann nicht wirklich von Wachstum gesprochen werden. Ein Beispiel wäre das IT-Zeitalter mit energieeffizienten Rechnern und einer Fülle an digitalen Dienstleistungen. Die Summe an Arbeitsleistung, die (sicher nicht ganz zu Unrecht) darauf verwandt wird, lässt jedoch viel Wissen handwerklicher Art, das im traditionellen Gedächtnis ganzer Teilgesellschaften bewahrt wurde, hinter sich. Dieser Blog könnte nicht in der Form geschrieben werden, wenn nicht ein Rückgrat an IT (und ungleicher Verteilung materieller wie autoritativer Ressourcen über den Globus) dafür den Platz geschaffen hätten (Ob das Internet ein Ort oder ein anderswo ist, kann ich vielleicht in ein/zwei Jahren sagen). Dennoch: alles, das Kapazitäten bindet (mir gefällt im Englischen die Formulierung „take place“ – etwas nimmt sich seinen Ort), schränkt dessen Verfügbarkeit für anderes ein, wenn sie sie nicht sogar unmöglich macht.

Die erstaunlich einfache Erklärung liegt im gedanklichen Wegschauen. Dies lässt sich auch ohne Aristoteles erklären, obwohl die folgenden Gedanken sicher einem aufmerksamen Leser der Kategorienschrift nicht ganz unbekannt sein dürften. Ein Großteil des (vor diesem Hintergrund vielleicht nur gefühlten) Erfolgs der Menschheit liegt sicher in der kognitiven Blindheit für die Negation. Selbst eine sprachlich-gedankliche Negation bereitet uns ja schon Schwierigkeiten. Die Literatur ist voller Gedankenspielereien wie „Es ist nicht unmöglich, dass kein Mensch in Versuchung gerät, nicht wieder ganz von vorne anzufangen.“ Soll er jetzt oder nicht? Viel Spaß beim Zählen der Negationen! Die kognitiven Blindheit zeigt sich aber noch besser bei der Sphäre des Visuellen, sicher einen prominenteren unserer Sinne. „Ein Karte hat keinen Konjunktiv.“ So fordert Georg Glasze als kritischer Kartograph ein differenzierteres Verständnis für diese Ausdrucksform ein. Grenzen und Namen auf einer Karte besetzen Raum, bilden ein Leitbild (dienen als Referenz für andere, in der Lerngeschichte folgende Beschreibungen dieses Raums) und sanktionieren somit fast unmittelbar jede „unnatürliche“ Veränderung der anfangs beschriebenen Grenzen. Ganz ähnlich hat Bausubstanz keinen Konjunktiv. Abseits von Reduktionismen („Siehst Du ja schon von außen, wer da nur wohnen kann.“) macht ein konkretes Bauwerk das sich Vorstellen einer andersartigen Besetzung dieser Raumstelle schwierig. Es bedarf des geschulten oder visionären Auges von Geographen, Denkmalkundlern und Architekten, um solche Blicke zu realisieren und zu zeigen.

Halten wir fest: Einmal Verschwundenes dringt nur schwer ins Bewusstsein, sowohl ein Ungedachtes als auch ein nicht Seiendes fallen weder im Denken noch in der Wahrnehmung unmittelbar auf. Einzige Ausnahme ist hier sicher der Verlust einer begrifflichen Referenz, wie ich sie oben dargestellt habe. Ein solcher Verlust des scheinbar natürlichen Referenzrahmens, sei es einer geliebten Person, der Heimat oder auch nur eines Gebäudes, das mit Erinnerungen überladen scheinbar schon immer da war, sind im Gegenteil sehr dauerhaft. Ein solcher Phantomschmerz lässt sich mit dem Auseinanderfallen eines kognitiven Modells und des aktuellen Zustands der Umwelt erklären – solche Brüche in der Wahrnehmungskontinuität hat sicher jeder schon einmal erlebt.
Es ist inhärenter Bestandteil menschlichen Erfolgreich-Seins, dass selbst diese Erfahrung ignoriert werden kann – nicht im Rahmen eines Individuums, aber in Bezug auf menschliche Gesellschaft als solches. Es scheint seinen Grund zu haben, warum eine rasche Folge von Generationen sich im Rahmen der Evolution als erfolgreicher erwiesen hat, als einige wenige Individuen mit großer Lebensspanne. Die Sphäre organischen Lebens wie wir es kennen, bringt durchaus auch größere Lebensformen hervor, die mehrere Jahrhunderte überdauern können. Ob es der Geist des Wegschauens, der immer neu seligen Unwissenheit, der Unbekümmertheit und des Wagemuts ist, der Menschen so erfolgreich gemacht hat? Eine Generation wird zum Träger von Entwicklung, verbraucht sich, indem ihr kognitives Modell immer weiter mit der Wirklichkeit auseinanderfällt („Altersstarrsinn“) und tritt beiseite. Eine neue Generation übernimmt, ruft neue Leitideen aus, schiebt alte Begriffe beiseite und gestaltet auch die Materialität des Seins um. Schleichend, fast unmerklich, hin und wieder begleitet von einer handfesten Revolution, wird eine scheinbar kontinuierliche Geschichte des Wachstums geschrieben, in dem an bestimmten Leitaspekten, die gerade in voller Blüte stehen (z.B. Technologie, Kapitalismus schon eher nicht mehr...) ihre erfolgreiche Entwicklung aufgezeigt. Logisch, was durch diese Erfolgsgeschichte verdrängt wurde, fällt ja nicht mehr auf.

Ein abschließender Blick auf die Sphäre des Ökonomischen: Wachstum ist also sichtspezifisch: „Unser Unternehmen wächst“ (und andere verlieren). „Ich lerne gerade unheimlich viel“ (und andere vergessen – vielleicht für immer). „Die großen Entdeckungsfahrten eröffneten ein neues Zeitalter“ (und beendeten in vielen Teilen der Welt eine Unzahl an Existenzen). Systemisch gedacht sollte es reichen, einen Zustand auf hohem Niveau stabil halten zu wollen. Die Sucht nach dem Aufbruch, nach der neuen, ungeahnten Chance, in ihrer unbedenklichen Form auch Neugier genannt lässt auf jeder Ebene ein Unzufrieden-Sein mit dem Erreichten eintreten. Wie weit kann ich es noch treiben? Es schlicht auszuprobieren, macht den Verlust unausweichlich – entweder für mich oder für diejenigen, die in meinem Erfolgsfall Ressourcen an mich abgeben müssen. Wenn aber nicht nur die Enttäuschung einer vagen Wachstumsaussicht Anleger in Aufruhr versetzt, sondern vielmehr Wetten auf die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung einer antizipierten Entwicklung zum Gegenstand materieller Aushandlungsprozesse werden (Fällt der Euro? Steigt er?), ist dieser Prozess von allen Lebensgrundlagen völlig abgekoppelt und bedroht durch die unheimliche Masse an verwandten Ressourcen die Lebenswirklichkeit eines jeden. Nicht nur mir als selbsternanntem Bewahrer stellt sich hier die Frage, ob wir wirklich noch spielen, oder ob wir schon leichtfertig vertändeln – vielleicht schaffen wir aber auch gerade nur Raum für eine neue Leitidee, die in ein paar Jahrhunderten ihre Erfolgsgeschichte erzählen kann.

Dienstag, 10. April 2012

Anstelle einer Predigt: Glaube eines Wissenschaftlers

Der Tod eines Menschen, der einem sehr nahe gestanden hat, sei es als Vorbild oder als Unterstützer oder beides, bringt immer viel Nachdenken mit sich; Nachdenken auch über das eigene Leben und die Frage nach dem Sinn des Sich-Mühens. Es ist beruhigend, zu wissen, dass es anderen Menschen auch so geht und vielleicht kann ich, da ich mich nach dem Tod meiner Oma nun in einer solchen Situation befinde, das ein oder andere Wort finden, mich selbst und andere zu trösten, zumal ich ja erst unlängst die Antworten auf die Frage, was Menschen am Lebensende am meisten bereuen, philisophisch kommentiert habe. (http://xdjkx.blogspot.de/2012/02/sein-oder-nicht-sein.html)

Betrachten wir Leben synchron, als ein Sein-Zum-Ende im Sinne Heideggers, bei dem Leben eine stete Folge eines Setzen von "noch nicht vorbei"-Zeitpunkten ist, zeichnet sich dieses Ins-Nicht-Sein Gehalten-Sein doch vor allem durch zwei Dinge aus, die sich mir aufdrängen. Das eine Extrem ist wohl das, was Giddens "structure provides binding" nennt; die Tatsache, dass nur Routinen im Alltag uns die Sicherheit und das Vertrauen zu geben vermögen, uns überhaupt ans Leben zu wagen: angefangen von so simplen biologischen Rhythmen wie Herzschlag und Atmung (nicht umsonst gibt es ganze Wellness-Programme dazu) über aktionsräumliche Routinen besonderer Orte (wo wohne ich? wo arbeite ich? wo kann ich entspannen?) bis hin zum Immer-Wieder-Anknüpfen an die Kommunikation mit unseren sozialen Bezugspersonen in Familie, Freunden und Bekannten.
Das zweite Extrem ist sicher die Irritation. Damit meine ich zunächst neutral einen Einfluss von außen, der in der Lage ist, unsere alltäglichen Rhythmen, quasi den Herzschlag unseres Daseins, zu beeinflussen und zu verändern. Irritationen sind dabei ambivalent. Es gibt positive Irritationen auf allen Ebenen: Sport belebt den Kreislauf, ein neues Theater oder ein neues Restaurant auszuprobieren schafft ein neues Ambiente, ein Urlaub neue Eindrücke und neue Bekanntschaften bereichern die soziale Lebenswelt. Natürlich geht das auch umgekehrt. Der Alltagsstress im Job schafft Bluthochdruck, das Benehmen in einem fremden Land kann unbewusst verstören und die Erwartungshaltung unseres Umfelds uns einengen.
Beide Daseinskonzepte können Angst machen - die Angst vor Stillstand treibt uns an, die Angst vor Veränderung hält uns zurück.

Diachron betrachtet, was ein lineares Zeitkonzept impliziert, unterliegen wir in unterschiedlichen Lebensphasen völlig unterschiedlichen Anforderungen. Als Kinder müssen wir zunächst in der Welt ankommen, was Kindern im wahrsten Sinn des Wortes so spielerisch gelingt, dass man bereits als junger Erwachsener nur staunen kann, wie leicht dies fällt. Das überbordende Leben eines Kindes kennt keinen Zweifel und kein Ziel außer dem ungebremsten Wachstum. Als Jungendlicher wird das Dasein völlig neu ausgerichtet. Die hohe Plastizität der kindlichen Anpassung weicht Denkmustern, die sich Stück für Stück aus dem sozialen Kontext schälen, in den ein junger Mensch eingebettet ist. Physiologisch werden nun alle ungenutzten neuronalen Verbindungen gelöscht, um dem Erwachsenen ein entschiedenes Handeln zu ermöglichen. Es ist die Zeit großer Verwirrungen und (scheinbarer?) Epiphanien, in denen uns Wissen über das tatsächliche Wesen der Natur zuzufallen scheint, dabei fällt uns nur die Struktur zu, die wir fortan auf die Welt legen. Einmal abgeschlossen wird der Mensch zum Kulturträger, der für einige Jahrzehnte genau angepasst an seine Lebenswelt denken und entscheiden kann und dieses Wissen an Nachwuchs weitergeben kann - an den eigenen oder denjenigen, für den man als Lehrender oder Vorbild Verantwortung übernommen hat.

Dass der Tod in so einer Welt sinnvoll ist, liegt auf der Hand. Ausgenommen der Jugend, die in ihrer Verwirrung noch neues Leben (er-)proben muss, würde es diesen nicht geben, hätte es sich nicht als sinnvoll für die Menschheit an sich erwiesen, das Wissen und Können rasch an eine neue Generation weiterzugeben, die es für einige Jahrzehnte lernen, hüten, weiterentwickeln und schließlich abgeben müssen. Es liegt auch auf der Hand, dass es sich nicht schön anfühlt, durch die Geburt ins Dasein gerissen zu sein, mit unheimlicher Macht ins Leben zu drängen, heimisch zu werden und die oben beschriebenen Routinen aufzubauen (die basalste ist sicherlich die der eigenen Identität, das Gefühl das Beharren eines "Ichs") und schließlich nur weitergeben und zum Abschied kurz winken zu können.

Selbst, wenn wir das akzeptieren können, stellt sich die Frage danach, warum wir Kulturträger sein sollen, warum wir eine Erde weiter pflegen, bewahren und weiterentwickeln, die vielleicht schon in 50 Jahren von einem Kometen zerstört wird. Wir können es nicht wissen und selbst der rationalste Mensch MUSS etwas glauben - und ich meine damit keinen auferlegten Zwang, sondern eine ureigenste Routine, die wir tief in uns finden können. Wir glauben einfach, dass es sich lohnt, am Abend vor dem Weltuntergang (und wenn es nur unser eigener ist) noch einen Apfelbaum zu pflanzen!

Wenn wir schon als Wissenschaftler unsere Daseinsbedingungen dekonstruieren, können wir dort viel Tröstliches finden: (1) dass Zeit vielleicht nicht wirklich linear ist. Tatsächlich haben wir ja Sein in jedem Augenblick und genau "jetzt" werfen wir ja immer auch ein Netzwerk an Gefühlen, Gedanken und Worten auf die Welt aus, die wir uns vertraut gemacht haben. Mit Augustinus: Wir sind, wir wissen, dass wir sind und wir lieben unser Wissen und unser Sein. Das kann uns niemand nehmen und nur unter Änderung dieser kleinen Prämisse, dass Zeit eigentlich völlig bedeutungslos ist, ändert sich alles. (2) dass die Routine des "Ich" vielleicht auch nur eine Illusion ist. Wir werden es verstehen, wenn es so weit ist. Alle Menschen, die von Nahtoderfahrungen berichten, haben keine Angst mehr vor dem Tod. Er ist für sie so natürlich geworden wie das Geborenwerden, das Gebären. Sie berichten übereinstimmend vom unglaublich überwältigenden Empfinden der Bedeutung der Liebe. Es geht dabei nicht mehr um eine konkrete, gerichtete, weltliche Liebe, sondern die alles tröstende Liebe. Menschliches Leben ist so unglaublich, dass man sogar das Sterben lernen kann, wenn es so weit ist.

Der Titel dieses Eintrags wäre nicht gerechtfertigt, wenn neben tröstlichen Überlegungen nicht auch eine Handlungsempfehlung gegeben würde: Stärker als der Tod ist die Liebe! Selbst wenn unsere Welt als solche und wir als Einzelne im Besonderen verletzlich sind, selbst wenn die Liebe in der Welt ein unglaubliches Experiment Gottes mit offenem Ausgang ist - unsere Gefühle verraten uns zu jedem Zeitpunkt genau, was zu tun ist: Routinen, die Vertrauen schaffen, und im richtigen Moment ein Schuss liebende Verrücktheit. Wenn wir es schaffen, diese Balance zu finden, dann kümmert uns weder die Angst, in Routinen gefangen zu sein, noch die Angst vor allzu großer Veränderung, die wir sicher beide kennen, dann kümmert uns auch nicht die Angst vor der ultimativen Veränderung. Wenn wir alle Menschen, die uns mögen, an unserer Seite wissen, weil wir immer wieder neu an sie anknüpfen im fröhlichen, ernst nehmenden, manchmal auch sorgenvollen Gespräch und in jedem Moment hoffnungsvoll den Aufbruch in eine neue Zeit wagen, dann kann sich unsere Welt wirklich verändern, dann kann Gottes großes Experiment wirklich gelingen - und wer weiß: Vielleicht ist die Welt wirklich so unglaublich, dass wir nach dem Tod sogar neues, zeitloses Leben an einer U-Topie, einem Nicht-Ort völlig neuer Erfahrung kennenlernen können, in dem unser Sein nicht verloren ist, sondern für immer im großen Orchester Gottes seine Stimme gefunden hat.

Es steuert das Schiff des Lebens
und unter uns rauscht die See
wohlbekannt in grundlosen Tiefen
es halten uns die Planken der Liebe
all derer, die mit uns auf dem Weg sind
Es steuert das Schiff des Lebens
wir wissen nicht wohin
und uns überkommt die Lust zu tanzen
auf der Bordwand des Lebens
in Lachen und Glück vereint
in der Gemeinschaft derjeinigen
denen Leben heilig ist
Es steuert das Schiff des Lebens
und wir schlafen trunken von Glück
ob wir tanzen, ob wir fallen
in ewig tröstende lichtlose Tiefen
wir bereuen es nie, geliebt zu haben

Freitag, 17. Februar 2012

Sein oder nicht sein

Unlängst habe ich auf Sueddeutsche.de einen Beitrag gelesen, der mich beeindruckt hat, nicht nur, weil er blinde Flecken unseres Daseins aufdeckt, sondern auch, weil auch Tage später die Kommentarfunktion auf der Webseite ungenutzt blieb:

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/1647/nummer-eins-der-reue/

Sollte der deutsche Websphären-Bewohner nur noch zu Shitstorms und zu keinen tiefer gehenden Gedanken mehr fähig sein?

Ungeachtet der allgemeinen Aporie möchte ich mich hier an einem Standpunkt versuchen:

Fünf unerfüllbare Wünsche an die Vergangenheit hat sie besonders häufig gehört:

Die methodische Frage nach der Gefahr eines qualitativen Erfahrungswertes drängt sich zunächst natürlich für einen Wahrnehmungsforscher auf: Wird das generalisiert, was man selbst sucht? Zustimmungswürdig sind die Aussagen in der Tat alle – und seien wir ehrlich: Das fragen wir uns auch so, nur sind wir nicht täglich ins Nicht-Sein gehalten (und so auf die Essenz des Seins reduziert) wie als Sterbender. Bei einer hohen Zustimmungswürfigkeit muss es ein vermittelndes Element geben, das uns alle verbindet. Zweierlei möchte ich anmerken, ohne die Suche nach der Eudaimonia als solche zu diskutieren. Es darf vermutet werden, dass ein Grund darin liegt, dass wir unsere Zukunft für planbar und beherrschbar halten und dadurch immer „es ist ja noch Zeit“ denken, solange es und körperlich gut geht. Ein anderes sind sicher die gesellschaftlichen Diskurse, die unseren Entfaltungsspielraum mehr einschränken als wir überhaupt glauben.

1. Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, ein Leben getreu mir selbst zu führen – anstatt eines, das andere von mir erwarteten.

Das ist nicht neu und eigentlich schon der Kern der Problematik: Secundum naturam vivere ist einer der zentralen und in seiner Dynamik aktuellsten Leitsprüche der antiken Philosophie. Mein Wesentliches Ich-Sein immer neu zu entfalten. Schwierig dabei: Was meine Natur ist, kann ich nicht wissen. Handeln ist immer Handeln unter Unsicherheit. Ich kann zum einen gar nicht wissen, wie zu handeln jetzt in diesem Moment ganz und gar meinem Ich-Sein entspricht. Handle ich zu schnell, muss ich damit rechnen, meiner „Natur“ im Affekt langfristig und unwiederbringlich widersprochen zu haben. („Ach hätte ich doch damals nur nicht!“). Denke ich zu lange nach, ist der Moment zu handeln selbst, unwiederbringlich verloren („Ach hätte ich damals doch!“). Zusätzlich helfen auch einmal an sich selbst erkannte Prinzipien (z.B. durch Überlegen: „Nach welchen Situationen habe ich mich mit mir selbst im Einklang gefühlt.“) nichts, wenn sich meine Wünsche über die Zeit ändern. Zudem: Rücksicht auf andere zu nehmen ist sicher eine Tugend, keine Barriere auf dem Weg zum Seelenheil. Insofern die volle Entfaltung meiner Natur diejenige der anderen beschränkt, geht es nicht an, mich über sie zu stellen. Anders formuliert: Zu gewinnen, ist im Spiel des Lebens kein Kriterium und ich denke, jeder Sterbende ist sich darüber im Klaren. Spielregeln reduzieren die Komplexität der Ziele auf einen Aspekt: Geld, Macht, Ruhm, Anerkennung. Unsere Natur bildet keiner davon ab. Letztlich wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als hier zu lächeln und dort die Ästhetik des Unvollendeten zurückzulassen.

2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.

Hier kommen wir der Sache näher: Die Ergänzung lautet: Für andere! Ohne jetzt einem naiven Marxismus das Wort reden zu wollen geht es doch wesentlich um die Unterscheidung von Job und Berufung. Arbeite ich nur, um Geld zu verdienen, muss ich die restliche Zeit gut nutzen, um die Dinge zu erledigen, die mir wirklich wichtig sind. Neudeutsch: Life-work-balance. Wohl dem, der einen Beruf ausüben darf und kann, der seiner Berufung am nächsten kommt; er wird es nicht bereuen. Wichtigste Erkenntnis: Zeit ist kostbarer als Geld.

3. Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, meine Gefühle zu zeigen.

Die Frage lautet: wem? Die Unterscheidung: welche Art von Gefühle? Positive Gefühle nicht kundzutun, aus Angst vor Verletzlichkeit, ist eine der Möglichkeiten, Momente zu handeln unwiederbringlich zu verlieren. Negative Gefühle nicht kundzutun, aus Rücksicht oder Angst vor Folgen, wird eine sich wiederholende Ursache nicht beseitigen. Die doppelte Nennung der Angst vor den Konsequenzen der eigenen Gefühle erklärt natürlich auch, warum schlussendlich Mut nötig ist, einen Sprung ins Handeln zu tun. Ich kann nur Erasmus von Rotterdam zirieren:

Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.

4. Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben.

Gnothi seauton statt Pflichterfüllung, Zeit statt Geld haben und Verrücktheit wagen. Es ist fast folgerichtig, dass, wenn es nach Adam Smith eine der grundlegendsten Charakteristika menschlichen Daseins ist, am Leben anderer Menschen Anteil zu nehmen, und sei es, das wir keinen anderen Vorteil daraus ziehen als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein, das die Kunst, die Gabe, der sich selbst treuen Verrücktheit, des positiven Wandels, des Aufbruchs in eine neue Zeit immer nur auf Gespräche zurückführen sind, die wir mit Menschen führen, die wir uns vertraut gemacht haben, die uns aber fern genug sind, das sie uns immer wieder neu begeistern, anregen und verändern können. Es ist klar, dass dieses höchste aller Geschenke, die lächelnde Verständigung über unser Menschsein und ihre immer wieder neue Auslegung nur im Kreis unserer Freunde gelingen kann.

5. Ich wünschte, ich hätte mich glücklicher sein lassen.

Zurück zum Mut: Vor diesem Hintergrund erfordert es Mut, sich Zeit zu nehmen für Gespräche, die an die Grundfesten unseres Daseins rühren, es erfordert Mut, sich gegen das Smithsche man zu stellen, den niemand, der wir alle sind und er wohl am charmantesten das fasst, was wir heute in den Sozialwissenschaften als Diskurs kennen. Erst wenn wir uns vorstellen, wie wir eine bestimmte Tätigkeit rückblickend bewerten würden, die uns alltäglich aufgetragen ist, können wir eventuell erst den Mut aufbringen, nur das anzunehmen, was wir wirklich tun wollen und uns dafür die Zeit zu nehmen, die nötig ist.

Schließen möchte ich indes mit Erich Kästner, ich glaube, das steht in Drei Männer im Schnee:

"Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?"
"Nein!"
"Ach, deswegen haben Sie es so eilig!"