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Samstag, 14. Juli 2012

Drachenauge!

So, wie wenn ich nicht schon Nerd genug wäre - jetzt habe ich mich tatsächlich als Rollenspielautor versucht. Zumindest ein kurzes Szenario meines Leib- und Magen-Rollenspiels DSA ist es geworden...

Sonntag, 8. Juli 2012

„Wenn Religiosität ausstirbt, bleiben nur Geisteswissenschaften, um dem Menschen Orientierung zu geben.“


So oder so ähnlich war die These meiner Frau, die mich nachdenklich gemacht hat. Stirbt Religion wirklich aus? Können Geisteswissenschaften wirklich diese Lücke ausfüllen? Inwieweit das so ist, will ich mit dem heutigen Blog ein bisschen eingehender untersuchen (nicht, dass ich nicht schon ein paar Wochen darüber nachgegrübelt hätte). Ich bin mir sicher, dass sich auch genügend Argumente finden lassen, die dagegen sprechen. Ich bin lediglich neugierig, wie weit sich diese Argumentationslinie treiben lässt, wenn man die Prämisse, dass Religiosität ausstirbt zunächst als gegeben annimmt.
Ein paar Beispiele vorneweg: für mich ist die Militarisierung der Fußballstadien mit Pyrotechnik, Schlägereien und Spielunterbrechungen, die in der letzten Saison zu beobachten war, ein genauso beredtes Symptom dafür wie Komasaufen oder Psychopharmaka. Das Greifen nach dem scheinbar goldenen Ausweg aus dem alltäglichen Nichts und die anschließende Verzweiflung, wenn das die Probleme nicht löst (wie auch?) stehen für mich deutlich für die hilflose Suche nach Sinn in unserer ach so säkularen Gesellschaft. Wohl dem, der wie die Macher der Kampagne „Glücklich leben ohne Gott“ offensichtlich solide in humanistischem Gedankengut gegründet ist. Sollte das pikanterweise eine Form von Glaube sein?

Warum scheidet Naturwissenschaft aus, wenn es um Orientierung geht?

Weil Naturwissenschaft per se die maximale Entfremdung von unserer Alltagserfahrung darstellt und nur deshalb in der Lage ist, Wahrheiten zu entdecken, die uns sonst verborgen blieben. Eine auf dieser Weise entdeckte (konstruierte?) Wahrheit kann freilich immer nur einen Aspekt unseres Menschseins (nämlich den rational-logische) ansprechen.
Mein Lieblingsbeispiel ist immer die Schachnovelle – und ich glaube es gibt genug Programmierer und Softwareentwickler, die auf eine ähnlich manische Weise von der scheinbar mühelosen Beherrschbarkeit und Beherrschung aller Probleme durch ihr (mehr oder minder) konstruktiven Tuns gefesselt sind, dass sie sich des dadurch entstandenen Mangels in ihrem seelischen Gleichgewicht erst viel zu spät bewusst werden. Dies ist ein Standpunkt und keine empirische Studie – dennoch habe ich schon mehrmals diese oder ähnliche Erzähllinien gehört: gut bezahlter Softwareentwickler, 60-Stunden-Woche, mit 40 Sinnkrise, jetzt Gärtner oder im Kloster, scheut den Computer wie der Teufel das Weihwasser. Sicher, μηδὲν ἄγαν, aber gerade dieses Argument nach dem Herstellen eines Gleichgewichts verweist in seiner Bezogenheit auf ein Anderes auf eine Erklärungslücke rein naturwissenschaftlichen Vorgehens.
Apropos Erklärungslücke: Naturwissenschaft erklärt nichts. Die Aussage, dass ein bestimmter Vulkan mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in einem bestimmten Zeitintervall eine Eruption einer bestimmten Stärke haben wird (selbst wenn es sich exakt vorhersagen ließe) muss völlig unabhängig von jeglichem Handlungskontext gedacht werden, um wertungsfrei erforscht werden zu können. Erst wenn dort Menschen leben, erhält eine solche Aussage Relevanz für Entscheidungen, die zu treffen sind. Die Aussage „Dort leben Menschen, die das noch nicht wissen – wir müssen sie unbedingt über die Risiken aufklären!“, der sie die gottlos Glücklichen sicher ad hoc anschließen würden, ist nicht mehr Teil naturwissenschaftlichen Arbeitens.

Was ist das eigentlich, wenn wir nach Orientierung suchen?

Die Natur einer nicht endgültig beantwortbaren Frage scheint schwer, es gibt jedoch einige Grundzüge, die leicht sichtbar zu machen sind. Zunächst die Ortsmetapher: „Wo gehöre ich hin?“ Die Suche nach dem Platz im Leben repräsentiert die räumliche Strategie, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Wann habe ich ihn gefunden? „Ubi bene, ibi patria!“ Aha, also eigentlich die Suche nach einem Sozialraum. Dazu gesellt sich die performative Metapher „Was soll ich (in dieser Lage) tun?“ Antworten darauf füllen ganze Handbücher – von der Στοά bist hin zur Esotherik. Zugrunde liegt die Suche nach Routinen, die den eigenen Vollzug von Dasein strukturieren und zeitlich rhythmisieren und dadurch Leben einfacher machen. Das bestechende an Adam Smith's Entwurf eines Wertesystems, das nur auf einem spontanen, empathiegeleiteten Urteils beruht, ist allerdings, dass er durch sein Modell eine fast algorithmische Lösung für die soziale Konstruiertheit von Orientierung anbietet. Noch radikaler wäre es, davon auszugehen, dass jeder Kommunikationsakt Dasein verankert und Halt bietet. Ich nenne es gerne die Teppich-Metapher (nachdem ich mich ja zuletzt kritisch gegen „Soziale Netzwerke“ geäußert hatte): Kettfäden sind die familiären Bezüge, in die unser eigenes Sein eingebunden ist, Schussfäden alle Freundschaften, mit denen wir gemeinsam durch die Zeit reisen. Jede Verbindung zu einem anderen Menschen liefert in gewisser Weise Halt, sei es ein gutes Wort, eine gemeinsame Unternehmung oder auch nur ein Lächeln. Jeder Kommunikationsakt festigt ein unsichtbares Band zwischen zwei Menschen oder lockert es – das erstaunliche daran ist aber wohl doch, dass das Gewebe (oder von mir aus auch Netz) für die meisten Individuen immer tragfähig bleibt oder zumindest Optionen zum Festhalten bietet.

Kann Geisteswissenschaft das alles liefern?

Sicher nicht. Ein paar Aspekte bekommt man aber sicher zusammen. Sprachenwissenschaft kann uns helfen, schon einmal Gedachtes wieder nutzbar zu machen oder überhaupt unseren sprachlichen Erkenntnisrahmen auszuloten. Geographie und Geschichtswissenschaften können helfen zu verstehen, nach welch einfachen und doch gerade dadurch unserem gedanklichen Zugriff entzogenen Konstruktionsprinzipien wir uns räumliche und zeitliche Narrative gestalten, die wir für wahr halten und an denen wir uns orientieren. „Dort ist es halt so!“ vs. „Weil das damals war, ist es heute so!“
Wirklich Orientierung geben kann sicher die Philosophie, der ich ein Verstehen-Wollen von Mensch-Sein und sich dieser Suche emotional verbunden fühlen zuschreibe. Wohl dem, der am Ende seiner Überlegungen zu dem Schluss kommt: „Dies habe ich durch Philosophie gelernt, dass ich tue ohne befohlen zu werden, was andere nur aus Furcht vor dem Gesetz tun!“ Nicht umsonst ist christliche Mythologie voller Verweise auf die antike Philosophie und selbst in der Abgrenzung von ihr bestimmt. Fakt ist aber auch: In allen Gesellschaften war eine solche erleuchtende Selbsterkenntnis ein Narrativ der Eliten – von Platon über den Humanismus und Utilitarismus bis hin zum Kommunismus – und ist letztlich gescheitert, weil ein solches Maß an Selbstbeherrschung kaum einige wenige Menschen aufbringen können, um ohne Fehler stets nach solch hehren Maximen handeln zu können. Wie heißt es in der Στοά? Es ist egal, ob wir hundert oder einen Meter unter der Wasseroberfläche ertrinken. Orientierung beinhaltet also auch Handlungsvorlagen, Gesetze, die helfen, wenn ein erkennender Ratschluss gerade nicht greift.

Jenseits von Wissenschaft

Ich behaupte: auch Geisteswissenschaft ist nur ein Teil von Mensch-Sein. Wirklich helfen kann sie dem Menschen nur, wenn er sich gestaltend darauf einlässt: Literatur und Kunst können helfen, den Alltag nicht ganz so furchtbar ernst zu nehmen oder gerade im Gegenteil durch Eleos und Phobos zumindest kurzzeitig unseren gewohnten Trott aufzubrechen, ein gesundes Maß an Verrücktheit in unser Leben zu bringen, das uns hilft, das Gewohnte zu ertragen. Das setzt aber voraus, dass derjenige überhaupt lesen, ins Theater oder die Ausstellung gehen will. Die alltägliche Praxis, das große Spiel, die „Geschichten, die das Leben schreibt“, die scheinbar alltäglichen Gespräche im Teppich des Lebens bieten aber sicher auch für den kleinen Mann einen Bezugspunkt, mithilfe dessen er sich täglich neu hinterfragen und auf den er sein Handeln gründen kann.
Als Fazit bleibt mir nur der Versuch, Shakespeare mit der orientierungsgebenden Macht der Narrative zusammenzuführen: Was bleibt an Erkenntnis, wenn ein jeder von uns erfüllt vom Verlangen nach Orientierung zusammen mit anderen, die ihn halten und inspirieren, zu unbekannten Zielen unterwegs ist? „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab. Sein Leben lang spielt einer manche Rollen!“

Dienstag, 3. Juli 2012

Die Hängenden Gärten in Gefahr!

Bevor ich wieder zwischendurch Philosophisches einstreue, muss ich heute doch noch einmal die Ereignisse des letzten Wochenendes revue passieren lassen. Schließlich waren unsere Hängenden Gärten in Gefahr (bzw. wir haben sie leichtsinnig dorthin gebracht und in der Folge auch uns...)

Das Wochenende fing ganz beschaulich mit einem Blick auf den Mond am Freitagabend an, der wie ein dick ausgefülltes umgekehrtes C, also zunehmend am Himmel stand, dann und wann hinter den Schwaden eines in Auflösung begriffenen Gewitterambosses verschwand und dabei eine gespenstische regenbogengleiche Halo auf den Nachthimmel legte, solange die obersten Wolken im Westen noch ganz leicht das Restlicht der längst hinter dem Horizont entschwundenen Sonne auffingen - um diese Jahreszeit ist es ja nie richtig dunkel.

Samstag folgte dann eine tolle Bootstour mit Kanu und Kajaks auf der Itz - so eine muntere Gesellschaft hatten wir schon lange nicht mehr zusammenbekommen! Größere Stromschnellen waren wie geplant ausgeblieben, so dass wir den letzten Teil sehr gemächlich und entspannt zurücklegen konnten (teils als Floßgemeinschaft vertäut, ob der Hitze hier und da auch mit munteren Wasserspielen - wer hat eigentlich angefangen?). Der Hinweis unseres Bootsverleihers auf aufziehende Gewitter hätte uns ob der Hitze stutzig machen können, doch auch bei ersten Wolken konnten wir den Tag bei einem gemeinsamen Kellerbesuch ausklingen lassen.

Auch die sturmartigen Windböen, die eine in Entstehung befindliche Gewitterwolke in strudelnden Fallwinden auflösten, Laub und Staub durch die Gegend wirbelten und dabei Bamberg noch mehr aufheizten, ließen in uns noch keine Vorahnung reifen. Selbst zuhause, als wir den schief hängenden Apfelbaum aus seiner misslichen Lage befreien musste, dachten wir nur, das Gröbste sei überstanden und kamen nicht auf die Idee, dass eine überaus heftige Unwetterfront im Anmarsch war. Wir ließen all unsere Pflanzen und Balkonutensilien wie gewohnt dort zurück - so kamen wir zu einem zweifelhaften nächtlichen Abenteuer. In der Chronologie der Ereignisse (teils rekonstruiert):

1) Tischplatte wird von einer Böe erfasst und kracht ins Geländer, ein Tischbein wird vom Balkon geweht. Wir horchen auf.
2) Ein zweites Krachen und deutlich vernehmbare Windböen. Apfelbaum und Jasmin hängen mit Schlagseite in den angrenzenden Pflanzen
3) Anette und Dominik stürzen in Schlafanzug auf den sturmumtosten Balkon
4) Der Strom fällt aus. Einzige verbleibende Lichtquelle sind die Solarlampe auf dem Balkon (und die näher rückenden Blitze).
5) Anette beginnt, Pflanzen auf der talaufwärts gelegenen Sturmseite in Sicherheit zu bringen, Dominik stützt den Apfelbaum (= Armdrücken mit dem Wind...)
6) Eine neue Böe. Die Zuckerhutfichte samt Solarlampe fällt um. Zwei Unterteller werden krachend am Geländer zerschlagen und regnen auf den Rasen darunter.
7) Ein Stuhl wird vom Wind erfasst, um die Ecke geweht, faltet sich im Flug zu einem gefährlichen Diskus zusammen, bleibt aber glücklicherweise zwischen dem Topf des Apfelbaums und dem Geländer stecken, ohne jemand zu treffen.
8) Regen setzt ein. Waagrecht entlang der breiten Balkonseite bis ins Arbeitszimmer!
9) Wir bringen mithilfe der Solarlampe bei nachlassenden Böen (aber klatschnass) alle übrigen Pflanzen in Sicherheit (= nach drinnen).
10) Unruhige Nacht.
11) Die Schäden werden inventarsiert (zwei Unterteller, drei diesjährige Triebe vom Apfelbaum, etwas Pflanzerde). Alle Früchte hängen erstaunlicherweise immer noch fest an den dazugehörigen Pflanzen.
12) Tischbein und ein Untersetzer haben den Sturz vom Balkon unbeschadet überstanden
13) Aufräumarbeiten, Planungen für Prävention bei Nachfolgeereignissen.

Halten wir aus Sicht der geographischen Risikoforschung fest: schuld an Katastrophen ist wie immer nicht die Natur, sondern die fehlende Prävention. Intervention setzt die Retter teils erheblichen Risiken aus. Die Vulnerabilität war durch die landschaftliche Lage am Dorfrand und die fehlende Sicherung der beweglichen Objekte gegeben, es gab keine Frühwarnung (bzw. keines der Anzeichen wurde zum Nachschlagen bei einem der üblichen Wetterdienste genutzt). Positiv jedoch zum Stichwort Resilienz: ich hätte nie gedacht, was Pflanzen so alles wegstecken können - purzeln munter durch die Gegend und es fehlen weder Apfel noch Tomate. Schlussendlich wird auch die coping capacity nur mit geringen Kosten gefordert sein. Dennoch: nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe - deswegen werden wir ab sofort schön einen Blick auf den Wetterbericht werfen und unsere Pflanzen nach dem neuen Evakuierungsplan in Sicherheit bringen, wenn wir länger außer Haus sind oder sich Unwetter ankündigen. Dazu sind uns unsere blättrigen Freunde mittlerweile einfach viel zu sehr ans Herz gewachsen!

Ach ja, Zuwachs gibt es dank Familie Helbig auch: Kürbispflanze ganz klassisch auf dem Komposthaufen! Mal sehen, was zu Halloween aka Erntedank draus geworden ist!


Sonntag, 24. Juni 2012

Digitale soziale Netzwerke: Selbstvollzug von Dasein – Fahrlässiger Totschlag von Zeit?


Der Hintergrund

Es macht Freude, das Leben von Menschen zu verfolgen, die uns etwas bedeuten, „selbst wenn wir keinen anderen Vorteil daraus ziehen, als Zeuge davon zu sein“, wie Adam Smith, der große Moralphilosoph, den so viele zu Unrecht nur als Urvater der Wirtschaftswissenschaften kennen, so treffend anmerkte. Reziprok dazu macht es natürlich Freude, seine eigene Geschichte fortschreiben, nach außen sichtbar zu sein, einen Schau-raum im Wortsinn zu schaffen, der uns anderen mitteilt, der vorderseitige Raum des Alltags, wie ihn Giddens beschrieben hat.
Normalerweise schreiben sich solche Erfahrungen in die zeitgeographischen Korridore unseres Alltags ein, sind es die anderen, die positive Irritation von außen setzen, an der wir uns erfreuen. Welche Verschiebungen sozialer Welt ergeben sich aber durch den Einsatz von überall verfügbarer „Personal IT“, seien es Smartphones, Netbooks oder Tablets? Bewusst geht es hier wiederum nicht um die Bewertung der „kostenlosen“ Dienste, die wir in Daten und Privacy bezahlen, sondern um ihre soziologischen Folgen.

Die Lösungen im Vergleich

  • Wiki: Ein gemeinsamer Wissensbestand, möglichst aktuell, mit einer nachvollziehbaren Geschichte. Wissen ist sozial produziert und existiert erst infolge des Aushandlungsprozesses in der Kommunikationsituation. Ein Wiki steht und fällt also zum einen mit der Anzahl der an ihm Beteiligten, zum anderen verfestigt sich die verfügbare Information mit zunehmender Zeit. Ein Wiki ist eine geniale Erfindung mit einer (und das sage ich als Wissenschaftler) im Großen und Ganzen brutal guten Qualität.
  • Twitter: Viele, rasch folgende Kommunikationsprozesse. Nicht gerade Wissen, sondern ein reines Weiterplappern irgendeiner Beobachtung oder Bemerkung. Das Weitertragen einer Information mit einer je Retweet abnehmenden Bedeutung (entsprechend eines „marginal return“-Modells: „ja, ist ja gut, das habe ich jetzt schon fünf Mal gelesen…“)
  •  Facebook und Google Plus (so, wie ich es erlebe): Verlorene Freunde wiederfinden (die man aber vielleicht aus gutem Grund verloren hat). Noch banaler: Häufig nicht einmal mehr eine Information, die man als solche bezeichnen könnte. Ein Weiterplappern flacher Scherze, trivialer Alltagsinformationen, schlechter Party-Bilder oder Fotos von Kuriosa. Die degenerierte Variante des guten alten Poesiealbums und gleichzeitig genauso wenig eine zutreffende Repräsentation von Wirklichkeit.
  • Homepage: Statisch, seriös und repräsentativ. Irgendwas zwischen Visitenkarte und Lebenslauf, das uns so charakterisiert, wie wir selten wirklich oder zumindest wirklich selten sind.
  • Blog: Ein geronnener Gedanke. Etwas, das früher auf ein Stück Papier und dann zur Hälfte in eine Schublade und zur Hälfte im Papierkorb verschwunden wäre. Ein Essay, bestenfalls, ein Tagebuch sonst. Ich habe auch schon selbsttherapeutische Versuche zur Problembewältigung gesehen. Die Inversion des Smith‘schen Gedanken. Ich nehme nicht mehr Anteil, sondern hoffe darauf, dass irgendjemand doch bitte an mir Anteil nehmen möge.

Die Abhängigkeit

Die gute Nachricht: Kinder spielen wieder draußen. Das Smartphone piept ja, wenn bei Facebook was passiert ist. Sie können sich also wieder Ball spielen trauen, weil sie in der Zwischenzeit ja nicht ohne ihr Wissen digital gemobbt werden können. Frappierendstes Beispiel der Unfähigkeit zur Facebook-Nichtteilnahme ist der Post eines Schulkinds: “Mama, ich kann jetzt nicht, ich hab grad Physik!“.
Anstelle des Vergnügens, Zeuge davon zu sein, ist die Angst getreten, etwas zu verpassen. Eine Angst, abgekoppelt zu sein von Kommunikationsprozessen. In der Folge erfolgt ein beinahe zwanghaftes Abrufen des Facebookstatus bei jeder Gelegenheit, „ich will ja nur wissen, was los ist, nur schnell die Mails checken, nur noch kurz die neuesten Schlagzeilen, nur schnell…“
Es ist die Inversion des Giddenschen Gegenstücks zum Schaulaufen im vorderseitigen Raum, des rückseitigen Raums, des Raums der Privatheit, in dem wir einfach mal entspannt durchatmen können, wenn diese, zumeist räumlich abgegrenzte Oase der Ruhe in der manischen Anteilnahme an der Welt anderer verloren geht.
Was ich an mir selbst wahrnehme: je entspannter ich bin, desto weniger brauche ich Facebook. Nur im Stress, wenn man sich selbst nicht mehr beschäftigen kann, könnte wenigstens dort noch etwas Positives passieren. Ein faustischer Pakt! Es handelt sich um kein Werkzeug zum Glück, zur Dokumentation des eigenen Daseins, sondern einfach nur um einen Kommunikationsoverkill, einen fahrlässigen Totschlag von Zeit, der uns erst auffällt, wenn ein Vieles an Zeit dadurch vernichtet wurde.
Facebook ist für mich eine Art besseres Email-Konto geworden für Leute, denen ich meine Emailadresse nicht geben will. Ich kann es wieder gut aushalten, wenn mich Facebook alle drei Tage mahnt, ich könne etwas verpasst haben. Ich weiß, was ich stattdessen in der Zwischenzeit alles erleben konnte.

Samstag, 23. Juni 2012

Die Hängenden Gärten von Bischberg - continued

Nachdem man mittlerweile kaum noch am Apfelbaum vorbeikommt (ich musste schon Äste hochbinden, so dicht ist er mit Äpfeln behängt), lohnt sich ein kurzer Zwischenblick auf die mittlerweile hier und dort tatsächlich hängenden Gärten von Bischberg.

Zunächst haben wir für das allabendliche Gießen einen Schlauch nebst Trommel angeschafft, weil das Gießer-Schleppen echt in die Arme geht:
Dazu kommen diverse Neuerwerbungen; im Einzelnen von links nach rechts:
  • Mittagsblume vor Zuckerhutfichte
  • ein kleiner Strauchblüher
  • ein Olivenbaum (-bäumchen? Ernten werden wohl erst die Enkel...)

Von Anja und Matthias hat sich dieser üppig blühende Jasmin dazugesellt:


Die Glockenrebe hat sich rasant ausgebreitet. Noch spendet sie zwar keinen Schatten, mein ursprünglich als überdimensioniert ausgelegtes provisorisches Rankgitter aus Schnur hat sich aber bereits nach anderthalb Monaten als zu klein erwiesen...


Zwischendurch schimmert es schon saftig rot durch die Tomatenblätter! Unser Balkon hat, glaube ich, die typische südwestexponierte Weinberg-Insolation - mal sehen, auf wie viel Grad Oechsle es unsere Tomaten bringen ;)


Verblüffend, wie schnell am Kaulberg noch darbende Früchte wachsen; wieder von links nach rechts:
  • Äpfel (ca. 3cm Durchmesser; sie bekommen schon rote Bäckchen)
  • Jalapeno-Paprika
  • Die am weitesten gereifte Tomatenrispe - die Tomate rechts oben musste gerade für's Frühstück dran glauben - lecker!


Und noch etwas wächst natürlich mit jedem Sieg: die Hoffnung darauf endlich mal wieder einen internationalen Titel zu holen (Ooooh, wie ist das schön...)!


Donnerstag, 7. Juni 2012

Geschichten vom Wachstum (und vom Wegschauen)


Die These vom angemessenen, stetigen Wachstum aus ökonomischer Sicht soll heute gar nicht Kern der Betrachtung oder besser der Kritik in ihrer Reinform als differenzierendem Denken sein, sondern vielmehr das Nachdenken über das Wachstum a sich, das uns scheinbar unaufhörlich überall umgibt. Zum ökonomischen Aspekt nur so viel vorweg: wenn ein System als in seinen Ressourcen beschränkt gedacht wird, wenn also sowohl durch materielle Grundlagen und effizientere Organisation des Umgehens damit lediglich ein neuer Aspekt zur Dominanz gebracht werden kann und andere Aspekte dafür weichen müssen, kann nicht wirklich von Wachstum gesprochen werden. Ein Beispiel wäre das IT-Zeitalter mit energieeffizienten Rechnern und einer Fülle an digitalen Dienstleistungen. Die Summe an Arbeitsleistung, die (sicher nicht ganz zu Unrecht) darauf verwandt wird, lässt jedoch viel Wissen handwerklicher Art, das im traditionellen Gedächtnis ganzer Teilgesellschaften bewahrt wurde, hinter sich. Dieser Blog könnte nicht in der Form geschrieben werden, wenn nicht ein Rückgrat an IT (und ungleicher Verteilung materieller wie autoritativer Ressourcen über den Globus) dafür den Platz geschaffen hätten (Ob das Internet ein Ort oder ein anderswo ist, kann ich vielleicht in ein/zwei Jahren sagen). Dennoch: alles, das Kapazitäten bindet (mir gefällt im Englischen die Formulierung „take place“ – etwas nimmt sich seinen Ort), schränkt dessen Verfügbarkeit für anderes ein, wenn sie sie nicht sogar unmöglich macht.

Die erstaunlich einfache Erklärung liegt im gedanklichen Wegschauen. Dies lässt sich auch ohne Aristoteles erklären, obwohl die folgenden Gedanken sicher einem aufmerksamen Leser der Kategorienschrift nicht ganz unbekannt sein dürften. Ein Großteil des (vor diesem Hintergrund vielleicht nur gefühlten) Erfolgs der Menschheit liegt sicher in der kognitiven Blindheit für die Negation. Selbst eine sprachlich-gedankliche Negation bereitet uns ja schon Schwierigkeiten. Die Literatur ist voller Gedankenspielereien wie „Es ist nicht unmöglich, dass kein Mensch in Versuchung gerät, nicht wieder ganz von vorne anzufangen.“ Soll er jetzt oder nicht? Viel Spaß beim Zählen der Negationen! Die kognitiven Blindheit zeigt sich aber noch besser bei der Sphäre des Visuellen, sicher einen prominenteren unserer Sinne. „Ein Karte hat keinen Konjunktiv.“ So fordert Georg Glasze als kritischer Kartograph ein differenzierteres Verständnis für diese Ausdrucksform ein. Grenzen und Namen auf einer Karte besetzen Raum, bilden ein Leitbild (dienen als Referenz für andere, in der Lerngeschichte folgende Beschreibungen dieses Raums) und sanktionieren somit fast unmittelbar jede „unnatürliche“ Veränderung der anfangs beschriebenen Grenzen. Ganz ähnlich hat Bausubstanz keinen Konjunktiv. Abseits von Reduktionismen („Siehst Du ja schon von außen, wer da nur wohnen kann.“) macht ein konkretes Bauwerk das sich Vorstellen einer andersartigen Besetzung dieser Raumstelle schwierig. Es bedarf des geschulten oder visionären Auges von Geographen, Denkmalkundlern und Architekten, um solche Blicke zu realisieren und zu zeigen.

Halten wir fest: Einmal Verschwundenes dringt nur schwer ins Bewusstsein, sowohl ein Ungedachtes als auch ein nicht Seiendes fallen weder im Denken noch in der Wahrnehmung unmittelbar auf. Einzige Ausnahme ist hier sicher der Verlust einer begrifflichen Referenz, wie ich sie oben dargestellt habe. Ein solcher Verlust des scheinbar natürlichen Referenzrahmens, sei es einer geliebten Person, der Heimat oder auch nur eines Gebäudes, das mit Erinnerungen überladen scheinbar schon immer da war, sind im Gegenteil sehr dauerhaft. Ein solcher Phantomschmerz lässt sich mit dem Auseinanderfallen eines kognitiven Modells und des aktuellen Zustands der Umwelt erklären – solche Brüche in der Wahrnehmungskontinuität hat sicher jeder schon einmal erlebt.
Es ist inhärenter Bestandteil menschlichen Erfolgreich-Seins, dass selbst diese Erfahrung ignoriert werden kann – nicht im Rahmen eines Individuums, aber in Bezug auf menschliche Gesellschaft als solches. Es scheint seinen Grund zu haben, warum eine rasche Folge von Generationen sich im Rahmen der Evolution als erfolgreicher erwiesen hat, als einige wenige Individuen mit großer Lebensspanne. Die Sphäre organischen Lebens wie wir es kennen, bringt durchaus auch größere Lebensformen hervor, die mehrere Jahrhunderte überdauern können. Ob es der Geist des Wegschauens, der immer neu seligen Unwissenheit, der Unbekümmertheit und des Wagemuts ist, der Menschen so erfolgreich gemacht hat? Eine Generation wird zum Träger von Entwicklung, verbraucht sich, indem ihr kognitives Modell immer weiter mit der Wirklichkeit auseinanderfällt („Altersstarrsinn“) und tritt beiseite. Eine neue Generation übernimmt, ruft neue Leitideen aus, schiebt alte Begriffe beiseite und gestaltet auch die Materialität des Seins um. Schleichend, fast unmerklich, hin und wieder begleitet von einer handfesten Revolution, wird eine scheinbar kontinuierliche Geschichte des Wachstums geschrieben, in dem an bestimmten Leitaspekten, die gerade in voller Blüte stehen (z.B. Technologie, Kapitalismus schon eher nicht mehr...) ihre erfolgreiche Entwicklung aufgezeigt. Logisch, was durch diese Erfolgsgeschichte verdrängt wurde, fällt ja nicht mehr auf.

Ein abschließender Blick auf die Sphäre des Ökonomischen: Wachstum ist also sichtspezifisch: „Unser Unternehmen wächst“ (und andere verlieren). „Ich lerne gerade unheimlich viel“ (und andere vergessen – vielleicht für immer). „Die großen Entdeckungsfahrten eröffneten ein neues Zeitalter“ (und beendeten in vielen Teilen der Welt eine Unzahl an Existenzen). Systemisch gedacht sollte es reichen, einen Zustand auf hohem Niveau stabil halten zu wollen. Die Sucht nach dem Aufbruch, nach der neuen, ungeahnten Chance, in ihrer unbedenklichen Form auch Neugier genannt lässt auf jeder Ebene ein Unzufrieden-Sein mit dem Erreichten eintreten. Wie weit kann ich es noch treiben? Es schlicht auszuprobieren, macht den Verlust unausweichlich – entweder für mich oder für diejenigen, die in meinem Erfolgsfall Ressourcen an mich abgeben müssen. Wenn aber nicht nur die Enttäuschung einer vagen Wachstumsaussicht Anleger in Aufruhr versetzt, sondern vielmehr Wetten auf die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung einer antizipierten Entwicklung zum Gegenstand materieller Aushandlungsprozesse werden (Fällt der Euro? Steigt er?), ist dieser Prozess von allen Lebensgrundlagen völlig abgekoppelt und bedroht durch die unheimliche Masse an verwandten Ressourcen die Lebenswirklichkeit eines jeden. Nicht nur mir als selbsternanntem Bewahrer stellt sich hier die Frage, ob wir wirklich noch spielen, oder ob wir schon leichtfertig vertändeln – vielleicht schaffen wir aber auch gerade nur Raum für eine neue Leitidee, die in ein paar Jahrhunderten ihre Erfolgsgeschichte erzählen kann.

Dienstag, 29. Mai 2012

Tröstliche Worte

Und wieder neues in der Kategorie "Text und Gedichte" auf xdjkx.de  im Bereich Texte:

Texte:
Diesmal eine Kindergeschichte, an der ich schon seit 2009 schreibe. Eher ein Setting, vielleicht wird was draus) ;)
  • Der kleine Schneehase
Gedichte:
Ein wenig Tröstliches...
  • Das Ende der Geduld
  • Es steuert ein Schiff